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Vip-demokratie


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tarix22.06.2016
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VIP-Demokratie

In Deutschland gibt es kein Ereignis mehr, das sich nicht eine selbsternannte „Elite“ unter den Nagel gerissen hätte. Das Oktoberfest in München, die Filmfestspiele in Berlin, die Kieler Woche, der Karneval im Rheinland: Überall haben PR-Berater schlichte Veranstaltungen zu „Events“ umdeklariert, und eine sich selber als wichtig definierende obenauf schwimmende Schicht richtet es sich kommod ein. Sie gehen in „VIP-Lounges“, fahren auf „VIP-Spuren“, betreten „Locations“ durch „VIP-Eingänge“. Dort eilen sie zu „VIP-Empfängen“. Während das Volk Bier und Bockwurst bezahlen muss, schlemmen die VIPs gratis Champagner und Kaviar. Bodyguards sichern sie ab, und Jubler mit Journalistenstatus heben sie in den Promi-Himmel.

Promi wird, wen der Medienzirkus dazu macht. Wer Promis ist, ist auch VIP. Die Auswahl erfolgt nach `mal nach Leistung oder `mal nach Hemmungslosigkeit. Schauspieler und Spitzensportler haben Chancen, in den Himmel erhoben zu werden, wenn sie medientauglich sind. Da hat Anni Friesinger eben bessere Karten als Claudia Pechstein. Andere müssen sich einfach trauen, Geschmacklosigkeiten zu begehen, und schon werden sie Promis. Wer als zweitrangige Schauspielerin öffentlich vom Bürgermeister geküsst wird, hat es geschafft. Wer sein Privatleben vermarktet und dazu noch ein großes Maul in Talk-Shows entwickelt, wird in den Kreis der „Wichtigen“ erhoben.

Hält sich einer zurück, und sei er Nobelpreisträger, gehört er eben nicht zur VIP-Blase. Otto Normalverbraucher und Oma Krause sind sowieso nicht dabei. Sie dürfen höchstens hinter der Absperrung stehen und jubeln. Oder ihnen bleibt das Fernsehen, wo sie sehen können, wie sich die Promis bewegen, was sie anhaben, was sie essen und trinken.

Die Blase macht selbst vor dem einst Volkstümlichsten nicht Halt. Der alte Proletariersport Fußball gehört mittlerweile einer Gesellschaft, die sich zusammensetzt aus Funktionären, Millionären und Schmeichlern. Deutschland erlebt es gerade. Eigentlich lädt dass Land zu einem Fußballturnier ein. Tatsächlich besetzt ein Funktionärszirkel namens „FIFA“ das Land. Deren Bosse bestimmen, ob die Fans deutsches oder amerikanisches Bier trinken dürfen, ob Fuhrparks Mercedes-Autor haben oder andere Marken. Die keiner demokratischen Einrichtung verantwortlichen Bosse sagen Veranstaltungen selbstherrlich ohne Begründung ab und fordern majestätisch den Umbau altbewährter Stadien. Auf den Straßen wollen sie für sich VIP-Rennspuren wie sie noch nicht einmal angelegt wurden, als der Diktator Hitler einst seinen Kollegen Mussolinis vom Bahnhof Heerstraße abholte. Vermessen lässt sich einer ihrer Funktionäre gar „Kaiser“ nennen. Und es gibt genügend Volk, das sich das nicht nur alles gefallen lässt, sondern es auch noch bezahlt.

Im Stadion haben die VIPs ihre Bereiche mit Security, Häppchen, eleganten Kellnern, weißen Decken. Unten turnen verwöhnte Spieler, die – wenn sie in die Medienwelt passen – dereinst aufrücken können in die VIP-Welt. In den Blöcken sitzen „Fans“ - misstrauisch beobachtet. Sie sind da, um Kulisse und Flair zu liefern für die VIPs, alles ein wenig authentisch und proletarisch zu gestalten: aber bitte auf Distanz! Keiner aus dem Volke soll denen zu nahe kommen, die ihre Party haben und ihre eigene Bedeutung genießen wollen.

In Berlin wollen sie sich den ansonsten angeblich so altmodischen innerstädtischen Flughafen Tempelhof sichern: Da sollen die Sponsoren und Funktionäre angedüst kommen, gleich über die Stadtautobahn ins Olympiastadion brettern, um sich in der VIP-Lounge an Köstlichkeiten zu stärken und das Gefühl zu genießen, inmitten des Volkes aber doch abgesichert prassen zu können. Die „Fans“ genannten Proleten dagegen werden nach Schönefeld geflogen, im Stadion wie das liebe Vieh in ihre jeweiligen Blocks getrieben, und dort können sie das Freiheitsgefühl genießen, von mit Hunden, Schusswaffen und Handschellen bewaffneten Polizisten beäugt zu werden. Wenn der sich durchsetzt, wird nach dem Willen von Wolfgang Schäuble auch die Bundeswehr das Volk in Schach halten. Dem Innenminister selber bahnt sich derweil eine Gasse im VIP-Raum, und er freut sich als Demokrat darüber, dass die NATO mit ihren Avecs-Fliegern gleichermaßen über VIPs und Prols kreist: Es sind doch alle gleich.

Als Sepp Herberger und Fritz Walter Weltmeister geworden waren, fuhren sie mit der Bahn von Station zu Station und zeigten sich dem Volke. Erst einige Tage nach dem „Wunder von Bern“ empfing der Bundespräsident Theodor Heuss die Mannschaft, für die es eine Ehre war, zu ihm zu kommen. Heute ist es eine Ehre für jeden Politiker, sich mit den Spitzenverdienern unter den Fußballern gemein machen zu dürfen und dabei vielleicht sogar in die VIP-Blase aufgenommen zu werden. Dafür werden es die verwöhnten Fußballer von heute wohl nicht schaffen, Weltmeister zu werden.

Überall – nicht nur im Fußball - haben Privilegierte sich Plätzchen geschaffen, an denen sie es sich gut gehen lassen. Sie glauben wirklich, sie seien wichtig. Schließlich sind sie Sponsoren und geben einen Teil jenes Geldes wieder heraus, das sie dem Volke mit ihren Geschäften abgeknöpft haben. Die Privilegierten schotten sich ab. Dazu haben sie allen Anlass. Die Armut im Lande wird immer größer. Alleinerziehende müssen mit dem Gelde knapsen, Arbeitslose mit ihrem Schicksal fertig werden und kranke Alte sich in Heimen die Entwürdigung ihrer Persönlichkeiten gefallen lassen. Damit hat die VIP-Gesellschaft nichts zu tun. Daran zu denken, verdirbt ihr die gute Laune.

Ist das Demokratie, dass die einen es sich wohl ergehen lassen, ob sie nun etwas für die Gemeinschaft geleistet haben oder nicht, während der größeren Zahl der anderen materiell und sozial die Basis der Menschenwürde entzogen wird?

Ist das Demokratie, in der eine eingebildet-„elitäre“ Minderheit medial aufgemotzt wird, aber tausende Leistungsträger draußen vor bleiben müssen? Dabei verstehen die Facharbeiter in den Autofabriken, die Musiker in den großen Orchestern oder die Erzieher in den Kitas von ihrem jeweiligen Fach mehr als die Funktionäre und Sponsoren vom Wesen des ihnen zur Vergnügung dienenden Events.

Es ist eine neue Klassengesellschaft entstanden, bei der die „Oberen“ gar keine leistungsstarken Eliten sind, sondern austauschbare Medienfiguren. Die „Unteren“ werden immer zahlreicher und machen das Spiel erstaunlicherweise mit. Für das Unterhaltungsbedürfnis der meisten von ihnen reicht es offenbar aus, auf den roten Teppich zu starren und Glamourfiguren zu sehen, deren Status sie nie erreichen werden. Die Arbeit tun derweil andere, denen der ganze Rummel nicht so wichtig ist.

Doch niemand ist in der Lage, das Schiff zu navigieren. Alle treiben dahin ins Ungewisse. Das Arbeitslosenheer wird größer, die Geburtenrate bleibt gering, das Gesundheitswesen ist nicht mehr zu finanzieren, der Osten entleert sich, und immer mehr Alte fallen dem Sozialstaat zur Last. Derweil jagt in der Hauptstadt eine hippe Party die andere, wird das ganze Land überzogen mit Events, zu denen stets VIP-Abteilungen gehören.

Wer das kritisiert, wird von Neoliberalen als Neider diffamiert. Aber eine VIP-Demokratie löst keine gesellschaftlichen Probleme, perpetuiert nur sich selber. Doch niemand weiß, wie lange.



Jürgen Dittberner





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