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Der ahnherr der kirlians


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DER AHNHERR DER KIRLIANS

Jakob von Narkiewitsch-Jodko (1848-1904) - Pionier der drahtlosen Telegraphie und wichtigster Vorläufer Kirlians



Zur Geschichte der Kirlian-Photographie (1)
MARCO BISCHOF

copyright  1995 Marco Bischof (Berlin)


Die sogenannte "Kirlian-Photographie", ein Verfahren der elektrobiologischen Diagnostik, das in der alternativmedizinischen und grenzwissenschaftlichen Szene eine gewisse Verbreitung gefunden hat, ist unter dem Namen des armenischen Elektrotechnikers Semjon Dawidowitsch Kirlian (1898-1978) aus der nordkaukasischen Stadt Krasnodar bekannt geworden, der das Verfahren Mitte der dreissiger Jahre entwickelte. Dabei wird eine durch ein elektrisches Hochfrequenz-Feld provozierte Ausstrahlung von Händen und Füssen auf Fotopapier oder Film festgehalten und zur medizinischen oder psychologischen Diagnose verwendet. Die Kirlianfotografie ist jedoch bis heute wissenschaftlich unvollständig erklärt und umstritten geblieben. Obwohl sie keineswegs, wie oft behauptet, die menschliche Aura sichtbar macht, vermag sie aber dennoch, durch Abbildung der elektrischen Ladungsverhältnisse an der Körperoberfläche, durchaus nützliche Informationen über den Zustand biologischer Systeme zu liefern (nähere Informationen dazu in englischer Sprache auf der website der International Union of Medical and Applied Bio-Electrography). http://www.psy.aau.dk/bioelec.

Kirlians Erfindung keine Original-Entdeckung


Als der armenische Elektriker Semjon Davidowitsch Kirlian und seine Frau und Mitarbeiterin Valentina aus der nordkaukasischen Stadt Krasnodar 1949 vom sowjetischen Staat ihr (erstes) Patent Nr. 106 401 für die "Entwicklung einer Methode zur Herstellung von Photographien mittels Hochfrequenzströmen" er­hielten, war dies nach der Aussage von Professor Viktor Adamenko, einem frühen Mitarbeiter Kirlians, kein Patent für eine "Original-Ent­deckung", sondern nur eines für eine "Erfindung". Der Grund dafür war, dass Kirlian nach der Auffassung des Patent­amtes nur das elektrographische Verfahren des weissrussi­schen Erfinders Narkie­witsch-Jodko dupliziert und verbessert hat­te1.

Der unbekannte Vorläufer


Offenbar war dieser Landedelmann aus dem russisch-polnischen Grenzgebiet damals dem sowjetischen Patentamt durchaus noch ein Begriff. Bei uns im Westen sind seine Pionierleistungen auf einer Reihe von Gebie­ten heute vollständig in Verges­senheit geraten; sein Name (oft auch "Jodko-Narkiewicz") taucht nur ab und zu in Ausführungen zur Vorgeschichte der Kirli­an-Photographie auf, ohne dass man Näheres erfährt.

Der Minsker Journalist Wladimir Kisseljew, der anfang der achti­ger Jahre Recherchen über die Geschichte der Elektrographie und über Narkiewitsch-Jodko angestellt hat, musste feststellen, dass trotz des grossen Aufsehens, das die "Elektrographie", wie Jodko sein Verfahren nannte, in den neunziger Jahren des letzten Jahr­hunderts erregte, auch die zeitgenössischen russi­schen und polni­schen Nachschlage­werke und Enzyklo­pädien keine Angaben über Jodko oder seine Arbeit enthalten2. Erst nach lang­jährigem Suchen gelang es Kisseljew, einige Veröffentlichungen zu finden. Dank seiner Forschungen wissen wir heute mehr über diesen wichtigsten Vorläufer Kirlians.

Jakob (oder Yakov) Ottonowitsch von Narkiewitsch-Jodko wurde 1848 als Sohn des Grossgrundbesitzers Otton von Narkiewitsch-Jodko und der Aniela, gebo­re­nen Estko, geboren. Seine Mutter war mit dem polni­schen Natio­nalhelden Tadeusz Kosciuszko verwandt3. Das Gut seines Vaters, Nad-Njemen ("Njemen-Land"), lag im Ihumen­ski-Di­strikt des Gouver­nements Minsk, im heutigen Weiss­russland. 80 Kilometer von Minsk, wo der Fluss Njemen (deutsch Memel) aus dem Zusammenfluss dreier kleiner Flüsschen entsteht, stand inmit­ten von weiten, überschwemmten Wiesen, Wäldern und Äckern das herrschaftliche Wohn­haus der Fami­lie, mit vielen gotischen Formen und Verzierun­gen, umge­ben von zahlreichen Wirtschaftsgeb­äuden und vielen exotischen Bäumen und Sträuchern, die von den Besitzern z.T. aus fernen Ländern impor­tiert worden waren.

Nach seiner Kindheit auf Nad-Njemen studierte der junge Lan­dedel­mann an den Universitäten Moskau und Paris Medizin, Elektro­tech­nik und Kunst. 1870 überraschte ihn der Französisch-Preussi­sche Krieg in Paris. In seine Heimat zurückgekehrt, heiratete er 1872 Helena Pieslak, Tochter der nachbarlichen Gutbesitzer von Mohor­ta. Sie starb 1913, 9 Jahre nach Jodkos Tod. Sie hatten zusammen 5 Kinder; das jüngste, Konrad, wurde 1885 geboren. Konrad starb nach dem 2.Weltkrieg in Krakau4.

Jodko galt in seiner näheren Umgebung als geheim­nisumwitterte und ungewöhnliche Figur. Noch anfang der 80er Jahre - rund 80 Jahre nach seinem Tod - hörte Kisseljew von den Bewoh­nern der umliegenden Dörfer, er habe auf seinem Gut ein "Ver­suchsgebäude" errichtet und in einem danebenstehenden 27 Meter hohen Turm, der heute noch steht, ein meteorologisches Labor gehabt, das mit schönen Apparaten und einer Äolsharfe ausgestat­tet gewesen sei. Er sei, neben allem anderen, auch Arzt gewesen und hätte sogar unheilbare Kranke heilen können. Auch sei er viel auf Reisen gewesen. Nur wenige Freiwillige hätten sich für die Teilnahme an seinen geheimnisvollen und möglicherweise gefährli­chen Experimenten hergegeben, die oft nachts, im Dunkeln und unter dem Getöse und Gesumme der elektrischen Entladungen durch­geführt wurden.

Obwohl auch ein begabter Pianist, dem man eine grosse Zukunft voraussagte und der eine Zeitlang auch in Moskau Musikunterricht gab, hatte sich Narkiewitsch-Jodko tatsächlich seit seiner Heirat im Jahre 1872 ganz der Wissenschaft verschrieben. Ihn interes­sierte ein ungewöhnlich breites Spektrum von Fragen. Auf seinem Landgut betrieb er neben dem meteorologischen auch ein elektro­graphisches, ein chemisches und ein elektrobiolo­gi­sches Labor. Der Privatgelehrte, der 1890 Mitglied und Mitarbeiter des Kaiser­lichen Institutes für Experimentelle Medizin in St.Petersburg wurde, an dem auch der berühmte Iwan Petrowitsch Pawlow tätig war, gehörte nicht nur zu den Pionieren der Elektro­technik, son­dern war vor allem auch ein wichtiger Vorkämpfer der Erfor­schung des Einflus­ses der Elektrizität (auch der athmosphä­ris­chen) auf Pflanze, Tier und Mensch. Auf seinem Landgut betrieb er ein allgemein zugängliches Sanatorium, an dem neben der "Kumyss"-Kur (dieses Getränk aus vergorener Stutenmilch wurde hier von basch­kirischen Spezialisten zubereitet), Gymnastik, Luftbädern und der Behandlung mit Wasser aus eisenhaltigen Quellen, die auf Nad-Njemen selbst sprudelten, auch Licht- und Elektrotherapie ange­wendet wurden. Das "Jodko-System" der Elektrotherapie - "eine neue Methode der Anwendung der elektrischen Ströme und der Elek­tromassage zur Behandlung von Nervenkranken", war vor der Anwen­dung im Sanatorium im Physiotherapeutischen Institut von Riga getestet worden. Leider sind heute darüber keine Einzelheiten mehr bekannt.



Pionier der Elektrotechnik und Biometeorologie


Jodko wetteiferte nicht nur beim Bau seines "Turms für den Frieden" mit dem nach Amerika ausgewanderten Serben Nikola Tesla (sein Turm auf Nad-Njemen wurde ein wenig höher als derjenige Teslas)5, er konnte auch eine Reihe von elektrotechnischen Erfin­dungen und Entde­kungen vorweisen. So entdeckte er im Jahre 1890 die heute "Sferics" genannte elektromagnetische Wetterstrahlung, die er mit Telefonapparaten hörbar machte. Der Russe W.W.Bitner, Verfasser populärwissenschaftlicher Schriften, berichtet in seinem 1907 in St.Petersburg erschienenen Buch "Auf dem Gebiet des Geheimnisvollen" über Versuche Jodkos aus dem Jahr 1892 mit dem "draht­losen Tele­phonieren", wie der Rundfunk damals hiess6. Er zeigte, dass es genügte, einen lebenden Menschen in einen nicht geschlossenen Stromkreis zu bringen, um in einem Telefonhörer, dessen Stromanschluss von dieser Person berührt wurde, ein Knattern auszulösen. Ähnliche Versuche hält auch ein Sitzungsprotokoll der Russischen Physikalisch-Chemischen Gesell­schaft der Universität Petersburg vom 12.Februar 1891 fest7. Narkiewitsch-Jodko kann damit zumindest als einer der Ent­decker der drahtlosen Telegra­phie, d.h. des Rundfunks, gelten, dessen Erfindung allgemein Sir Oliver Lodge (1894) oder Guglielmo Marco­ni (1892) zugeschrieben wird. Eigentliche Radiosendungen demon­strierte er 1892 öffentlich in Prag und in Wien. Neben dem men­schlichen Organismus verwendete er bei solchen Experimenten z.B. auch Zimmerpflanzen als Antennen (Minsk 1896).

Die Erfindung der ”Elektrographie”


Uns interessiert Narkiewitsch-Jodko aber vor allem als Erfin­der der "Elektrographie" und damit wichtigster Vorläufer Semjon Kirlians. Anfang der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts erschienen in russischen und europäischen Zeitungen eine Reihe von Artikeln, die unter Fotoamateuren und Wissenschaftlern für Aufregung sorg­ten8. Sie teilten mit, dass ein gewisser Narkiewitsch-Jodko eine "Methode der Photographie mithilfe von Elektrizität" entwickelt habe und in Nizza einen Zyklus von Photographien der "elektri­schen Funken und wellenartigen Schwingungen in verschiedenen Momenten ihres Auftretens in der Natur und im menschlichen Kör­per" vorgeführt habe. Italienische Wissenschaftler, die bei dieser Vorführung anwesend waren, zeigten sich nicht nur erstaunt und entzückt über die Effekte, sondern waren auch davon über­zeugt, dass die Methode eine grosse Zukunft habe. Professoren der Wiener, Pariser und Petersburger Universitäten liessen sich erregt über die grosse Bedeutung elektrographischer Forschungen für Medizin und Physiologie aus: Die elektrographischen Aufnahmen "...erweisen sich in Bezug auf die Geheimnisse der Elektrizität als das, was das Mikroskop in der Welt der Naturerscheinungen ist", hiess es in einem ihrer Gutachten. Die Presse stellte Jodkos Methode auf eine Stufe mit dem Röntgenbild und vermutete zu Recht, sie werde "Anlass zu einer Reihe von Hypothesen und Forschungen geben".

Der Forscher von Nad-Njemen hatte das Prinzip der Elektrogra­phie bereits im Jahre 1891 bei Versuchen mit Hochspannungs-Entla­dungen entdeckt. 1892 erschien seine erste Veröffent­lichung darüber. In den Jahren 1893 bis 1896 demonstrierte er seinen Grundversuch in Wien, Berlin und Paris. Vor allem die Vorfüh­rung an einer Ausstellung in Berlin im August 1896 machte seine Arbeit in Westeuropa bekannt. "Die elek­trische Strahlung des mensch­lichen Körpers" titelte die polnische Presse bei dieser Gelegen­heit, und beschr­ieb Jodkos Versuch mit den folgenden Worten: "Eine kleine Rühmkorff-Spule, verbunden mit einem galva­nischen Element, wurde von Dr.­Jodko-Narkiewicz zu diesem Zweck benützt. Zwischen der Spule und einer Metallschiene an der Wand befand sich ein einpo­liger Lei­ter. An der Spule befestigte Dr. Jodko-Narkiewicz einen Draht, dessen Ende in ein geschlossenes Glasrohr eintauchte, das halb mit verdünnter Säure gefüllt war. Wenn nun Person A das Rohr mit der Hand berührt und eine andere Person B ihr näher kommt, dann entsteht an jenen Stellen auf der Körper­oberfläche von A, wo Nervenknoten lokalisiert sind, Strah­lung - mit anderen Worten, eine elektrische Entladung. Diese Entladung kann auf einer photo­graphischen Platte festgehalten werden. Herr Jodko-Narkiewicz zeigte mir Photographien von ver­schiedenen Körperteilen: an der einen Stelle sieht man ein sehr starkes Leuchten, an anderen nur ein schwaches oder gar keines"9.

Die von H.D.Rühmkorff (1803-1877) erfundene Funkeninduktions­spule erzeugt in ihrer Sekundärspule einen pulsierenden Gleich­strom hoher Spannung, der für Funkenentladungen verwendet wird, wie sie in der ältesten Art von Telegrafie und Telefonie Anwen­dung fanden. Jodko verwen­dete einen sehr schwachen Strom aus 2 Batterien à 2 Volt. Die Sekundärwicklung der Spule war (als Erdung) an die Masse des Raums angeschlossen, so dass an dem freien Pol ein Hochfrequenzschwin­gungssystem entstand. An diesem freien Pol wurde nun die photo­graphische Platte angebracht, die hier die Stelle des Telefons der oben beschriebenen Versuche einnimmt. Die Aufnahme erfolgte im abgedunkelten Raum.

Narkiewitsch-Jodko machte im Laufe der Jahre über tausend Elektrographien von zahlreichen belebten und unbelebten Objekten. Obwohl er auch feststellte, dass die Handflächen und andere Körperzonen, die besonders stark psychisch bedingter Schweissab­sonderungen unterworfen sind, generell am stärksten leuchteten, glaubte er dabei deutliche Unterschiede zwischen dem elektrogra­phischen Bild der gleichen Körperregionen bei Kranken und Gesun­den, Erschöpften und Ausgeruhten, Aufgeregten und Gelassenen, Schlafenden und Munteren festzustellen. Das Strahlenbild sei je nach Persönlichkeit, Temperament, emotionalem und gesundheitli­chem Zustand verschieden. Die Elektrographie ermögliche daher sowohl eine medizinische als auch eine psychologische Diagnose. Jodko war auch der Meinung, dass sich die Art der Beziehung zwischen den Beteiligten Personen im elektrographischen Bild niederschlage: wenn er Bilder von zwei Freunden machte, soll das Leuchten der Fingerspitzen heller gewesen sein als bei zwei Fremden, die miteinander fotografiert wurden. Dieses Phänomen wurde von späteren Kirlianforschern wiederentdeckt und ist un ter dem Namen ”Freundschaftsbrücke” bekannt.



Vorstufen der modernen Theorie bioelektromagnetischer Wechselwirkungen


Ganz modern muten Narkiewitsch-Jodkos Vorstellungen über den Entstehungsmechanismus der abgebildeten Strahlung an. Er ging davon aus, dass Elektrizität und Magnetismus als eine objektive Wirklichkeit einen wesentlichen und untrennbaren Teil von Orga­nismus und Umgebung bilden und einen überall spürbaren und unmit­telbaren Einfluss auf die belebte Natur ausüben. Die elektrischen Ströme im menschlichen und jedem anderen Organismus sind mit dem Zustand der atmosphärischen Elektrizität und der Sonnenaktivität eng verbunden. Der menschliche Organismus erzeugt im Muskel- und Nervengewebe ständig Elektrizität und stellt daher eine elektri­sche Batterie dar, die mit dem umgebenden Raum ständig Ladungen austauscht. Wenn Elektromagnetismus im Organismus eine biologi­sche Funktion besitzt, so muss seine Anwendung auch therapeuti­sche Wirksamkeit besitzen: "...Die von mir erzielten Resultate lassen mich annehmen, dass die künstlich erzeugten Ströme allge­mein sowie die atmosphärische Elektrizität auf pathologische Zustände des Organismus im hohen Grade Einfluss üben... Der Er­folg der Behandlung hängt (...) vom jeweiligen Zustand und von der Spannung der atmosphärischen Elektrizität ab. Der Magnet kann auch Therapeut sein".

Nach Jodkos Auffas­sung befindet sich der menschliche Orga­nis­mus in einem elektrischen Spannungszustand, der demjenigen der umgebenden Luft entgegengesetzt ist. Jede Störung des labilen Gleichgewichts zwischen körpereigener und atmosphärischer Elek­trizität veranlasst den Organismus dazu, jene Strahlung abzuge­ben, die die elektrographischen Photoplatten schwärzt.



Vitalistische Interpretation


Diese Theorien des russischen Gelehrten wurden von den Okkul­tisten vieler europäischer Länder begierig aufgegriffen. Nach Jodkos Interpretation handelte es sich bei der elektrographisch sichtbar gemachten Strahlung um eine "exteriorisation de la force nerveuse" (Ausscheidung der Nervenkraft), ein im damaligen wis­senschaftlichen Okkultismus heftig diskutiertes Konzept. Diese Nervenkraft wurde von Jodko im Sinne eines ”Fluidums”, einer speziellen Lebensenergie nach der Tradition des Vitalismus10, verstanden. Das wird auch aus der Beschreibung eines verwandten Experimentes von Jodko klar, die sich in Bitners Buch von 1907 findet. "Die effektivsten aber von den nach der Narkie­witsch-Jodko-Methode durchgeführten Versuche waren die im dunklen Zim­mer. Nachdem er Ihnen die Elek­trode in die Hand gegeben hat, hält er eine kleine Glühbirne an ihren Körper. Zu Ihrer grössten Überraschung beginnt sie gleich zu leuchten und zwar je heller, je kleiner die Entfernung vom Ihrem Körper ist. Das Licht der Glühbirne leuchtet aber nicht immer gleich stark; je mehr Leben­senergie in einem Körperteil ist, umso intensiver wird es". Bringt man das Lämpchen anämischen, gelähmten, von Krankheiten befalle­nen Organen mit geschwächter Lebenstätigkeit näher, wird das Licht nach Meinung Narkiewitsch-Jodkos merklich schwächer, und umgekehrt wird es in der Nähe der völlig gesunden Organe stärker. Der gleiche Versuch kann mit einer Geissler-Röhre11 statt einem Lämpchen durchgeführt werden - dann wird die Erscheinung noch schöner und effektvoller, wie Bitner schreibt.

Selbst wenn Jodkos Interpretation dieses Experi­mentes nach heutigem Wissensstand vielleicht nicht standhält, so stellt sie doch eine bemerkenswer­te Vorstufe späterer russischer Forschungen dar. Aufbauend auf der Arbeit Semjon Kirlians und den Arbeiten Alexander Gurwitschs über die ”mitogenetische Strahlung”, die Vorform der ”Biophotonen12, hat vor allem der Biophysiker Prof. Viktor Injuschin von der Kasachischen Staats­universität in Alma-Ata gezeigt, dass man aus der Intensi­täts- und Spektralverteilung des Leuchtens der menschli­chen Körperoberfläche Informationen über den physiologischen und psychischen Zustand einer Person gewinnen kann. Ähnliche Forschungen betreibt die Forschungsgruppe von Professor Juri Guljajew am Institut für Radiotechnik und Elektronik der Akademie der Wissenschaften in Moskau13. Man vermutet, dass Jodko mithilfe des mit hochfre­quenter elektrischer Spannung erzeugten Leuchtens auch bereits die Akupunkturpunkte entdeckt hatte, die Injuschin heute mit seinem erweiterten Kirlianverfah­ren untersucht.



Aufgrund der Nähe von Narkiewitsch-Jodkos Konzepten zu denje­nigen des zeitgenössischen Okkultismus überrascht es nicht, dass er 1896 begann, mit dem bekannten französischen Erforscher des Okkulten Dr. Hippolyte Baraduc zusammenzuarbeiten. Mit ihm ver­band Jodko eine langjährige und herzliche Freundschaft; die beiden Wissenschaftler standen in ständigem brieflichem Kontakt, in welchem Teil Europas sie sich auch aufhielten. Sie experimentierten aber auch damit, dauernd telepathisch in Verbin­dung zu bleiben14. Baraduc hatte 1895 der Akade­mie der Medizin in Paris eine Denk­schr­ift über "Gedankenpho­togra­phie" vorgelegt, die 1896 in erweiterter Form unter dem Titel "L'ame hu­maine, ses mouvements, ses lumières, et l'icono­graphie de l'invi­sible flui­dique" (Die menschliche Seele, ihre Bewegungen, ihre Lichter, und die Ikonographie des fluidischen Unsichtbaren) als Buch erschien15. Es war illu­striert von vier Elektro­graphi­en nach der Methode Jodko, von denen eine zum berühmte­sten, immer wieder reprodu­zierten Beispiel früher "Kirlianbilder" geworden ist. Der Frasnzose versteht unter seinen ”Effluviographien” jedoch nur am Rande Bilder nach Jodkos elektrographischer Methode. Iun erster Linie finden sich in seinem Werk alle möglichen Arten von zweifelhaften Aura-, ”Gedanken-” und ”Geisterphotographien”, die er mit weitgehenden spiritistischen und esoterischen Deutungen versieht. Nach Baraduc regt die Verwendung des elektrischen Stroms bei Jodkos Methode die "fluidische Respiration der menschli­chen Seele" an und verstärkt sie, sodass die "kosmi­sche Le­benskraft" nach ihrer Passage durch den menschlichen Organismus auf die photogra­phische Platte gebannt werden kann. In Baraducs Labor in Paris setzte Jodko seine For­schungen fort und machte eine Reihe von Bildern. Jodko experimentierte auch mit dem Prin­zen Wilhelm von Oldenburg.

Zeitgenössische wissenschaftliche Auseinandersetzungen


Unter den Forschern, die damals Jodkos Vorbild nacheiferten, entbrannte schon bald dieselbe Art Meinungsverschiedenheit, die auch heute unter den Kirlianforschern herrscht. Die einen, wie die Franzosen Baraduc oder Marius Decrespe16 und der Russe Messa­lah Pogorelski17, stimmten mit Jodko überein, dass durch den Strom nur eine körpereigene Ausstrahlung provoziert werde und somit die Elektro­graphie einen Beweis für eine Lebenskraft, einen Magnetis­mus oder ähnliches darstelle. Die anderen hingegen, zu denen z.B. Ferdi­nand Maack (1861-1930), Hamburger Arzt, bekannter esoteri­scher Schriftsteller und Erfin­der des dreidimensionalen "Raum­schach"18, und Carl Caroli19 gehör­ten, waren überzeugt, dass nur die elektri­sche Leitfähigkeit des Körpers eine Rolle spiele und kein Unter­schied zwischen lebenden und toten Objekten best­ehe.

Zahlreiche Ehrungen


Jodko-Narkiewitsch selbst führte seine Arbeit erfolgreich weiter. Grosses Aufsehen erregten 1898 seine Exponate auf der 5.Photo­graphischen Ausstellung der Russischen Technischen Gesell­schaft in Petersburg, wie man in der Zeitschrift "Fotoamateu­r" Nr.5/1898 nachlesen kann. 1899 stellte er auf der Franzö­sisch-Russi­schen Ausstel­lung in St.Petersburg Elektrographien aus und wurde dort mit einem Diplom "für die ständige Vervollkommnung in der Elek­tro­technik" ausgezeichnet. Im Jahr 1900 wird ihm auf einem internationalen Kongress der Titel eines "Professors für Elektrographie und Magnetismus" verliehen. Die Presse umgibt ihn mit einer immer geheimnisvolleren Aura und nennt ihn einen "Elek­trologen", ja "elektrischen Menschen". Zumindest in der russi­schen wissenschaftlichen Welt nimmt er einen prominenten Platz ein. Für seine Verdienste auf dem Gebiet der Meteorologie wird er von der Russischen Geographischen Gesellschaft mit einer Silber­medaille ausgezeichnet und im Jahre 1900 wird ihm auf Antrag des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften der Orden der Heili­gen Anna verliehen. Er hatte auf Nad-Njemen eine der grössten meteorologischen Stationen des westlichen Russland aufgebaut, eine neue Methode zur Messung der Wolkengeschwindig­keit und das "Lysimeter" zur Bestimmung der Boden­feuchtigkeit entwickelt. In einem offiziellen Bericht des Petersburger Instituts für Experi­mentelle Medizin schreibt er: "Meine Arbeiten und meine Vorlesun­gen wurden in Russland von den Professoren Krassowski, Brodow­ski, Jegorow, Mendelejew, Borgman, Petruschewski, Sowjetow, Dokutschajew, Wojenkow, Baronowski und vielen anderen nachge­prüft". In dem Bericht werden auch Dutzende von österreichischen, italienischen, deutschen, französischen und spanischen Wissen­schaftlern angeführt, die den Forscher in Grussadressen würdig­ten.

Aufgrund welcher Verdienste Jodko-Narkiewitsch zum päpstli­chen Camerlengo (Kämmerer) - "cameriere di spada e cappa" - ernannt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Von seiner Verbun­denheit mit der katholischen Kirche zeugt jedenfalls die Tatsa­che, dass er einer der Gründer der Kirche von Menton (Cote d'A­zur) war. Nicht weit davon, in San Remo, scheint er sich öfters aufgehalten zu haben. Auf der Rückreise von dort über Wien machte er 1904 Station in einem Hotel, wo er in voller Schaffenskraft und in dem Augenblick starb, als seine Forschungen in der wissen­schaftlichen Welt des Westens bekannt wurden20.



Gründe für Jodkos Vergessenheit


Angesichts aller dieser Ehrungen und seiner vielen wissen­schaftlichen Leistungen erstaunt es, dass der Name Jakob von Narkiewitsch-Jodkos, der zu seinen Lebzeiten so oft in der Zei­tung stand, nach dem Tod des Forschers im Jahre 1904 so schnell in Vergessen­heit geriet. Niemand hat in den 35 Jahren nach seinem Tod seine Experimente wiederholt. In keinem Nachschlagewerk über die Wis­senschaft seiner Zeit konnte ihn Kisseljew finden, und seine in Artikeln und Büchern erwähnten gedruckten Werke waren nirgends aufzutrei­ben. Von seinen über tausend Elektrogra­phien sind keine Originale erhal­ten, obwohl sie zu Lebzeiten des Gelehrten an verschiedene Insti­tutionen weiterverkauft worden waren. Wir kennen sie einzig aus zeitgenössischen Reproduktionen in den Büchern W.W.Bitners, M.E.Pogorelskis21 und H.Baraducs und aus der Zeitschrift "Kraj". Wenn auch einiges Material von und über Jodko in polnischen und möglicherweise deutschen Archiven vermutet wird, so haben doch Revolution und Krieg vieles vernich­tet. Man weiss, dass nach der Revolution die Ausstattung seiner Labors verschie­denen wissen­schaftlichen Insti­tutionen übergeben wurden; es ist aber leider alles verlo­renge­gangen. Die Bestände der von Narkie­witsch-Jodko im Laufe der Jahre zusam­mengetragenen umfang­reichen Fachbiblio­thek - 426 Kilo - wurden nach seinem Tod der Minsker Ärztegesell­schaft übergeben und sollten dort als Sonder­bestände verwahrt werden. Sie sollen 1941 von den Nazis nach Deutschland gebracht worden sein.

Es gibt aber noch andere Gründe für die Vergessenheit dieses Pioniers einer Reihe von Grenzwissenschaften. Ähnlich wie beim grossen Tesla wird ein Rolle gespielt haben, dass Jodko in vielem seiner Zeit voraus war. Mit den spekulativeren seiner Arbeiten - so auch mit der Elektrographie - erregte er das Misstrauen einer bestimmten Gruppe von Wissenschaftlern, was durch die vielen sensationellen Presseberichte nur verstärkt wurde. Das er wenig Bereitschaft zeigte, seine Methoden offenzulegen, verstärkte dieses Misstrauen noch. Ein wesentliche Rolle spielte sicher auch seine Nähe zum Okkultismus und zur vitalistischen Tradition. Zwar war er, wie Kis­seljew berichtet, höchst vorsichtig und zurückhaltend mit theoreti­schen Schlus­sfolgerungen, war ein strenger und unpar­tei­ischer Kritiker und Richter seiner eigenen Voraussetzungen und Hypothe­sen und be­trachtete seine Resultate und Interpretationen bei weitem nicht als definitiv. "Ich habe viel Material gesam­melt, aber es werden noch viel Mühe und Ar­beit, eine grosse Zahl von Versuchen und grosse Mittel nötig sein, um zu präzisen S­chluss­folgerungen zu kommen. Mit einer wahren Ergebenheit stu­diere ich und hoffe, dass meine Arbeit mit der Zeit vielleicht Resultate bringt und ich der Wissenschaft so einen bescheidenen Beitrag leisten kann. Es ist mir gelungen, viele interessante Erschei­nun­gen zu beobachten, diese Versuche erfordern aber noch viele Jahre Arbeit...". Andererseits waren die wissenschaftlichen Vorstellungen und Möglichkeiten seiner Zeit vielleicht noch zu beschränkt, um den Phänomenen gerecht zu werden, dem er auf der Spur war.



Doch ist es gewiss gerechtfertigt, Jakob von Narkiewitsch-Jodko, den Privat­gelehrten von Nad-Njemen, der Vergessenheit zu entreis­sen und ihm einen Platz in der Wissenschaftsgeschichte zu ver­schaf­fen, denn er war ein wichtiger Pionier einer Reihe von grenzwis­sen­schaftlichen Gebieten, dem spätere Entwicklun­gen in manchem recht gegeben haben. Dank den Recherchen Kisseljews22 können wir nun endlich diesen Pionier der Kirlian-Photographie, aber auch einer Reihe von Grenzwissenschaften, wie Elektrobiologie, Elektrothera­pie und Bioklimatologie, der Vergessenheit entreissen, wenn auch wohl viele Einzelheiten über seine Leistungen in den Wirren der osteuropäischen Geschichte für immer verlorengegangen sind.


1     persönliche Mitteilung Prof.Viktor Adamenko (Athen), Dez. 1989.

2     Wladimir Kisseljew: Seiner Zeit voraus (russisch). Techni­ka Molodjoschi, Nr.11/1983.

3     L.E.Stefanski: Jodko-Narkiewicz - Polish precursor of Kirlian. Proceedings of the Second International Congress on Psychotronic Research, Monte Carlo 1975, S.41-47.

4     Stefanski.

5     Adamenko, persönliche Mitteilung 1989.

6     W.W. Bitner:Auf dem Gebiet des Geheimnisvollen (russisch). Verlag "Vjestnik Znania", St.Petersburg 1907.

7    Kisseljew: Seiner Zeit voraus.

8     siehe Kisseljew

9     Stefanski.

10 Vitalismus: Lehre, wonach das organischen Leben sich durch eine besonderes Lebensprinzip oder eine ”Lebenskraft” von der unbelebten Materie unterscheidet.


11    mit verdünnten Gasen gefüllte Vakuum-Gasentladungsröhre aus Glas mit eingeschmolzenen Elektroden. Je nach Gas zeigt sie beim Durchgang einer Hochspannung verschiedenfarbige Leuchterschei­nungen zwischen den Elektroden.

12     siehe Marco Bischof: Der Entdecker des Lebenslichts. Esotera Nr.12/1989 und Nr.1/1990, und ”Biophotonen – das Licht in unseren Zellen”, Zweitausendeins Verlag, Frankfurt 1995, 10.Aufl.1999.

13 siehe mein Buch ”Biophotonen”, S.371 ff.


14     Stefanski.

15     in einer späteren Fassung unter dem selben Titel auch 1913 bei der Librairie Internationale de la Pensée Nouvelle in Paris erschienen.

16    Marius Decrespe: L'extériorisation de la force nerveuse et les travaux de M. de Narkiewicz-Jodko. Chamuel, Paris 1896.

17     Messalah E. Pogorelski: Elektrophotophosphene und Energo­graphie als Beweis der Existenz einer physiologischen polaren Energie, oder sogenannten Animalen Magnetismus (in russischer Sprache). Petersburg 1899.

18    Ferdinand Maack: Elektrographie. Mit besonderer Berücksich­tigung der Versuche Narkiewicz-Jodkos. Wissenschaftliche Zeit­schrift für "Okkultismus", Jg.1, Nr.1 (1.Oktober 1898), S.8-22; Jg.1, Nr.2/3 (18.Februar 1899), S.89-99.

19    Carl Caroli: Elektrographie. Eine besondere Methode für Induktionswirkungen (System Jodko). A.W.Hayn's Erben, Berlin 1897.

20     Stefanski.

21     Pogorelski hat auch Photographien von Blättern ohne Anwendung eines elektrischen Feldes erzeugt.

22     sie bilden zusammen mit einigen anderen Quellen, die ich benützt habe, wie Prof.V.Adamenko (Athen) und Lech E.Stefanski, und ausgedehnten eigenen Nachforschungen die Grundlage der vorliegenden Arbeit.


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