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Dein Wille geschehe Wie kann ich Gottes Willen erkennen?


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Leicht überarbeitet. Ursprünglich erschienen in:

Wie im Himmel so auf Erden – 90. Deutscher Katholikentag vom 23. bis 27. Mai 1990 in Berlin – Dokumentation Teil II, 1119–1130.

Zusammenfassung: Siehe Schluss, S. 10f.

Peter Knauer SJ



Dein Wille geschehe   Wie kann ich Gottes Willen erkennen?

Im Vaterunser beten wir: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Aber welcher Wille Gottes geschieht eigentlich im Himmel, von dem wir darum bitten, dass er auch unter uns geschehen möge? Der Wille Gottes, der im Himmel geschieht, ist die ewige Liebe des Vaters zum Sohn, die der Heilige Geist ist. Und Gottes Wille ist es, dass auch wir uns von ihm mit dieser Liebe geliebt wissen. Denn dann leben wir nicht mehr aus der Angst um uns selbst. Jesus lehrt uns also in dieser Vaterunserbitte, um den Glauben zu beten, in Gottes verlässlicher Liebe für immer geborgen zu sein.

Wenn es Gottes Wille ist, dass wir uns in seiner Liebe geborgen wissen: Wie erkennen wir diesen Willen? Er wird uns in der christlichen Botschaft verkündet, die beansprucht, Gottes Wort zu sein.

Vielleicht sind Sie bereits nach diesen wenigen Sätzen ein bisschen verwundert. Denn gewöhnlich verstehen wir unter dem Willen Gottes doch eher das, was Gott von uns fordert. Dann denkt man an die Gebote oder ganz allgemein an den Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung. Es begegnet sogar die religiös verbrämte Behauptung, Gott wolle die 35 Stunden Woche.

Andere wieder verstehen unter dem Willen Gottes das Schicksal, mit dem wir uns abfinden müssen. Wer einen lieben Menschen durch den Tod verloren hat, schreibt manchmal in frommer Ergebung auf den Totenzettel: +Dein Wille geschehe*.

Manchmal denkt man beim Begriff +Wille Gottes* auch an die eigene konkrete Berufung. Es mag unter uns junge Menschen geben, die sich fragen, welchen Beruf sie nach dem Willen Gottes ergreifen sollen. Lädt Gott mich vielleicht ein, in einen Orden einzutreten oder Priester zu werden? Und versage ich mich dann dem Willen Gottes, wenn ich doch lieber heirate? Wie kann ich Gottes Willen für mich persönlich erkennen? Muss ich dazu irgendeine innere Stimme hören?

Ich glaube, es ist hilfreich, dass wir zunächst darüber nachdenken, in welchem genauen Sinn wir überhaupt vom Willen Gottes sprechen können. Und dann können wir auch fragen, wie wir den Willen Gottes erkennen.

I. Gottes verborgener Wille

Immer wenn wir von Gott sprechen, müssen wir uns dessen bewusst sein, dass Gott nicht unter unsere menschlichen Begriffe fällt. Gott ist nicht sozusagen ein Teil der Gesamtwirklichkeit. Alles, was wir Menschen als wirklich erfahren, ist immer nur Gottes Schöpfung.

Von Gott können wir nur so sprechen, dass wir uns selbst als aus dem Nichts geschaffen verstehen. In allem, worin wir uns vom Nichts unterscheiden, sind wir solcher Art, dass wir ohne Gott nicht wären. Wenn wir von Gott genau und verantwortbar sprechen wollen, müssen wir sagen: Gott ist der, +ohne den nichts ist*. So ist Gott der +in allem Geschehen Mächtige*. Anstatt Gott nur +allmächtig* zu nennen, ist es also viel richtiger zu sagen, dass er +in allem mächtig* ist. Seine Macht bezieht sich nicht auf bloße Möglichkeiten, wie wir sie uns gerne ausdenken, sondern auf die Wirklichkeit selbst. Jesus sagt von Gott: +Kein Sperling fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt* (Mt 10,29f.).

Gott ist der, +ohne den nichts ist*. Man darf diesen Satz nicht verharmlosen. Denn wann fallen denn Sperlinge zur Erde? Wenn sie verhungern und wenn sie erfrieren. Dass Gott der ist, +ohne den nichts ist*, gilt nicht nur von allem Guten in unserer Welt. Es gilt auch von Leid und Tod, ja sogar von der Sünde. Denn es gibt überhaupt nichts, was sich in irgendeiner Weise der allumfassenden geschöpflichen Abhängigkeit von Gott entziehen könnte. Selbst an unseren freiesten Handlungen gibt es nichts, was unabhängig von Gott ist. Die Heilige Schrift kann deshalb sogar sagen, dass Gott das Herz des Pharao verhärtet habe (Ex 10,1).

Aber läuft eine solche Behauptung nicht auf einen schrecklichen Determinismus hinaus? Wo bleibt dann überhaupt unsere Freiheit? Wenn alles, was geschieht, ohne Gott nicht geschehen kann und in diesem Sinn von ihm abhängig ist, wie können wir dann noch selber verantwortlich sein? Heutzutage sagen wir deshalb für gewöhnlich viel lieber, dass Gott das Böse nur +zulässt*. Gott hält sich sozusagen an übergeordnete Gesichtspunkte, gegen die er auch nichts machen kann. Aber was ist das dann für ein Gott?

Nein. Die christliche Botschaft gibt uns eine bessere Antwort. Aus dem Nichts Geschaffensein bedeutet, dass wir in allem, worin wir uns vom Nichts unterscheiden, restlos darin aufgehen, ohne Gott nicht sein zu können. Diese Beziehung auf Gott ist aber eine vollkommen einseitige Beziehung. Man kann immer nur, ausgehend von dem, was in unserer Welt geschieht, sagen, dass es ohne Gott nicht sein kann. Aber es gibt keine Möglichkeit, in der umgekehrten Richtung zu denken. Man kann nicht von Gott herleiten, was in unserer Welt tatsächlich geschieht. Einer solchen Herleitung geht jede ontologische Grundlage ab.

Der Wille Gottes, nach dem überhaupt alles geschieht, ist deshalb ein für uns schlechterdings verborgener Wille Gottes. Er umfasst auch das Leid und das Böse. Aber man kann immer nur alles auf seine Abhängigkeit von Gott zurückführen, niemals umgekehrt etwas daraus herleiten. Weil es keine Möglichkeit gibt, irgend etwas von Gott herzuleiten, gibt es auch keinen Determinismus.

Aufgrund der vollkommenen Einseitigkeit der Beziehung des Geschaffenen auf Gott muss man nun aber sehr im Ernst die Frage stellen: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Wie sollen wir Menschen mit Gott Gemeinschaft haben können? Keine geschaffene Qualität reicht aus, die Einseitigkeit der Relation des Geschaffenen auf Gott zu überbieten und uns in Gemeinschaft mit Gott zu bringen. Gemeinschaft mit Gott erreichen wir nicht durch irgendeine Leistung.

Deshalb ist auch der Satz, dass Gott der +in allem Mächtige* sei, der, +ohne der, nichts ist*, für sich allein durchaus kein wohltuender Satz. Man braucht nur anzuschauen, was   neben allem Guten in der Welt   auch an Bösem und an Leid und Elend geschieht.

II. Gottes offenbarer Wille

Dass Gott +der in allem Mächtige ist*, wird erst dann zu einem wohltuenden Satz, wir uns in Gemeinschaft mit Gott erfahren. Wenn wir mit Gott als dem in allem Mächtigen Gemeinschaft haben, dann kann uns keine Macht der Welt mehr von ihm trennen. Nicht einmal der Tod hat gegen ihn Macht.

In der Tat wird uns von Jesus her eine ganz neue Botschaft verkündet. Diese Botschaft lässt sich so wiedergeben: Über die gänzlich einseitige Beziehung alles Geschaffenen auf Gott hinaus ist Gott seinerseits uns zugewandt. Gott liebt uns mit der Liebe, in der er von Ewigkeit her als Vater seinem eigenen Sohn zugewandt ist. Gottes Liebe zu uns hat an nichts Geschaffenem ihr Maß, sondern ist die ewige Liebe des Vaters zum Sohn, die der Heilige Geist ist. Weil Gottes Liebe zu uns nicht an uns selbst ihr Maß hat, kann man sie auch nicht am eigenen Wohlbefinden ablesen, sondern muss sie sich im Wort des Glaubens sagen lassen. Man kann sie nicht noch auf andere Weise erfahren.

Außerhalb des Glaubens hätten wir nur die Gewissheit, dass in allem der Tod das letzte Wort hat; kein innerweltliches Glück käme dagegen an. Im Glauben dagegen hat die Gemeinschaft mit Gott das letzte Wort, gegen die auch der Tod keine Macht hat. Obwohl Gottes Liebe zu uns nicht an unserem Wohlbefinden ablesbar ist, wird dann doch jedes noch so vergängliche und begrenzte Glück in dieser Welt zum Gleichnis dieser unvergänglichen Liebe und weist auf sie hin.

Indem Gott uns mit der Liebe annimmt, in der er von Ewigkeit her seinem eigenen Sohn zugewandt ist, wird Gott nicht gleichsam verendlicht, und er verliert nicht seine Absolutheit, wenn er sich uns Menschen zuwendet. In dem Glauben, den uns Jesus gebracht hat, geht es darum, dass wir Anteil haben an seinem Verhältnis zu Gott.

Die christliche Botschaft sagt also, dass der eine Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist existiert: in drei Weisen des Selbstbesitzes ein und desselben Gottseins. Sie sagt: Gemeinschaft mit Gott ist nur so möglich, dass wir in die Liebe des Vaters zum Sohn aufgenommen sind. Das Entscheidende an diesem Glaubensverständnis ist: Gottes Liebe zu uns hat nicht an uns selber noch sonst an irgend etwas Geschaffenem ihr Maß, sondern allein an Jesus Christus. Wir sind also von Gott so verlässlich geliebt, dass seine Liebe von keinen Bedingungen abhängig ist, sondern allen unseren eigenen Leistungen vorausgeht. Wir müssen uns also nicht erst durch irgendwelche Leistungen Gottes Gnade verdienen, sondern Gottes Gnade ist unser fester Ausgangspunkt. Dadurch werde ich auch davon befreit, meinen eigenen Wert erst durch den Vergleich mit anderen Menschen zu bestimmen, so dass ich dann entweder hochmütig auf sie herabschaue oder aber umgekehrt in Minderwertigkeitskomplexe verfalle. Der Glaube an Gottes Liebe lässt mich meinen Wert darin sehen, dass ich von Gott unendlich bejaht und angenommen bin.

Wort Gottes ist die Selbstmitteilung Gottes in dem mitmenschlichen Wort der Weitergabe des Glaubens. Die christliche Botschaft macht sich selbst dadurch als Wort Gottes verständlich, dass sie sagt: Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, um uns in menschlichem Wort sagen zu können, dass wir in die Liebe des Vaters zu ihm aufgenommen sind. Menschwerdung des Sohnes Gottes bedeutet, dass der Mensch Jesus hineingeschaffen ist in einen Selbstbesitz Gottes, den des Sohnes. Die Relation Gottes auf diesen Menschen hat ihren konstitutiven Terminus nicht in seinem Menschsein, sondern ist ein göttlicher Selbstbesitz.

Deshalb kann man Jesus nicht ansehen, dass er der Sohn Gottes ist. Man muss es vielmehr gesagt bekommen. Auch in der Menschwerdung des Sohnes verliert Gott also nicht seine ewige Absolutheit und Transzendenz. Aber jedenfalls gilt dann: An Jesus als den Sohn Gottes glauben bedeutet, aufgrund seines Wortes sich von Gott mit der Liebe in alle Ewigkeit angenommen zu wissen, in der Gott ihm zugewandt ist. Dieser Glaube ist das Erfülltsein vom Heiligen Geist.

Gottes uns durch Jesus offenbar gewordener Wille besteht also in nichts anderem, als dass wir als Menschen leben sollen, die sich in Gottes Liebe geborgen wissen und sich deshalb nicht mehr von der Angst um sich selbst leiten lassen. Darin besteht unsere Erlösung. Sie befreit uns aus der Macht der Angst um uns selbst, die sonst die Wurzel aller Unmenschlichkeit ist.

Diesen Willen Gottes, der in unserer Heiligung besteht (vgl. 1 Thess 4,3), erkennen wir aus dem Wort Gottes, wie es für uns in der christlichen Verkündigung weitergegeben wird. Dieser Wille Gottes ist keine Forderung, sondern ein alles Begreifen übersteigendes Geschenk; er ist nicht Gesetz, sondern Evangelium. Gottes offenbarer Wille besteht darin, dass wir zu Glaubenden werden, das heißt zu Menschen, die sich in Gottes Liebe geborgen wissen. Gutes Handeln ist davon die Frucht. Wir werden also nicht erst dadurch heilig, dass wir Gutes tun; sondern umgekehrt können wir erst dann wirklich Gutes tun, wenn wir erfassen, dass wir in Gottes Liebe für immer geborgen sind.

Man definiert Beten gern als +Sprechen mit Gott* und stellt es sich so vor, als würde Gott, wenn wir nur andächtig genug beten, auf unsere Gebete antworten. Aber gewöhnlich kann man auf eine solche Antwort lange warten. In Wirklichkeit ist unser Beten nämlich nur in dem Sinn ein +Sprechen mit Gott*, dass nicht er auf unser Wort antwortet, sondern wir auf sein Wort. In unserem Gebet sagen wir Ja zu dem, was Gott uns in Jesus geoffenbart hat, nämlich dass wir in seiner Liebe geborgen sind. Gott hat uns in Jesus Christus alles das gesagt, was er uns zu sagen hat, und es sind kein darüber noch hinausgehendes Wort Gottes und keine darüber hinausgehende neue Offenbarung zu erwarten.

III. Wie sollen wir handeln?

Aber gibt es nun nicht auch Forderungen Gottes an uns? Gibt es nicht vor allem die Zehn Gebote? Werden nicht alle Gebote in dem Doppelgebot der Gottes  und Nächstenliebe zusammengefasst?

Nun, von der Liebe zu Gott haben wir bereits gesprochen. Die Liebe zu Gott besteht nämlich in nichts anderem als darin, auf seine Liebe zu uns wirklich zu vertrauen. Die Liebe zu Gott besteht in demjenigen Glauben, in dem wir uns in seiner Liebe zu uns geborgen wissen. Nur so anerkennen wir Gott als den, der er in Wahrheit ist.

Bleibt also noch von der Nächstenliebe zu sprechen. Es handelt sich um die schlichte Forderung, dass wir Menschen nicht unmenschlich, sondern menschlich seien. Das ist eine Forderung, die eigentlich gar keiner Offenbarung bedarf. Sie ist im Grunde von vornherein mit unserem Menschsein mitgegeben und lässt sich bereits mit unserer natürlichen Vernunft erkennen. Gottes Gebot wird die mit unserem Menschsein bereits mitgegebene Forderung der Nächstenliebe nur deshalb genannt, weil unser Menschsein zusammen mit der ganzen Welt Gottes Schöpfung ist. Aber die bloße Erkenntnis einer Forderung reicht noch nicht aus, um sie auch zu erfüllen.

Die christliche Botschaft des Glaubens bringt strenggenommen keinerlei neue Gebote mit sich. Sie will nur dazu befähigen, dem mit unserem Menschsein mitgegebenen Gebot der Nächstenliebe auch tatsächlich zu entsprechen. Denn solange wir aus der Angst um uns selbst leben müssen, können wir noch nicht wirklich selbstlos und liebevoll sein. Der Glaube will von dem befreien, was uns hindert, menschlich zu sein. Er nimmt der Angst um uns selbst, die in unserer Todesverfallenheit durchaus real begründet ist, die Macht; sie hat dann nicht mehr das letzte Wort. Das letzte Wort hat vielmehr der Glaube als die Gewissheit einer solchen Gemeinschaft mit Gott, gegen die auch der Tod keine Macht hat.

Wie sich der Glaube an Gottes offenbaren Willen auf unser Handeln auswirkt, aber auch welche Folgen fehlender Glaube hat, zeigt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25 37). +Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen.* Zuerst kommen ein Priester und dann ein Levit denselben Weg herab; sie sehen ihn und gehen vorüber. Weil sie mit sich selbst und ihren eigenen Zielen beschäftigt sind, sehen sie und sehen sie in Wirklichkeit doch nicht. Doch dann kommt ein Samariter, der den Ausgeplünderten sieht und von Mitleid erfasst wird. Dieser Samariter befindet sich auf einer Handelsreise. Aber er ist nicht so auf seinen Terminkalender und sein Reiseziel fixiert, dass er nichts anderes mehr sähe. Er hat die Freiheit, auf die ihm begegnende und nicht von ihm geplante Wirklichkeit einzugehen. Er hat sich sicher nicht vor seiner Reise vorgenommen, falls er unterwegs einen von Räubern zusammengeschlagenen Menschen finden sollte, diesem helfen zu wollen. Aber wo er in der Wirklichkeit einem solchen Menschen begegnet, verschließt er sich ihm nicht. Gott will uns zu solchen Menschen machen, die sich von der begegnenden Wirklichkeit betreffen lassen und auf sie eingehen.

Der Schriftgelehrte, dem Jesus dieses Gleichnis erzählt, hatte gefragt: +Wer ist mein Nächster?* Er wollte wissen, wieweit er den Kreis um sich selbst ziehen müsse, wo er noch zur Hilfe verpflichtet ist. In dem Gleichnis korrigiert Jesus diese Frage und fragt zurück: Wer hat sich für den, der unter die Räuber gefallen war, als sein Nächster erwiesen? Anstatt dass jeder sich selbst als Mittelpunkt ansieht und einen mehr oder minder engen Kreis um sich selbst zieht, soll der andere Mensch, welcher der Hilfe bedarf, im Mittelpunkt stehen. Wer ihm zu helfen vermag und dies auch tut, der ist ihm sein Nächster geworden. Man muss immer erst für den anderen Menschen zum Nächsten werden. Es ist hilfreich, dass uns das Evangelium vom barmherzigen Samariter daran erinnert und uns das aufmerksame Sehen lehrt. Wer mit der Heiligen Schrift vertraut ist und dann einem Menschen begegnet, der auf seine Hilfe angewiesen ist, in dessen Herz ist das Wort, +sah ihn und ging vorüber* wie ein Stachel, der ihn am gleichgültigen Vorübergehen hindern wird. Ich werde anderen Menschen zu ihrem Nächsten, indem ich fähig werde, sie wirklich zu sehen.

Es geht also um Nächstenliebe als eine Forderung, die einfach mit unserem Menschsein bereits mitgegeben ist und zu deren Erfüllung uns der Glaube befreit. Was man dann im einzelnen tun soll, muss man aus der einem begegnenden Wirklichkeit mit der eigenen Vernunft erkennen. Es wird uns nicht zur Welt gleichsam in einem Beipackzettel die Gebrauchsanweisung mitgeliefert. Woher weiß der barmherzige Samariter, wie fest man ein gebrochenes Bein schienen und binden muss? Das können ihm nur Erfahrung und Vernunft sagen. Man muss auch aus Fehlern lernen. Offenbarungen gibt es da nicht.

Auch alle unsere konkreten moralischen Normen sind eigentlich aus der Wirklichkeit selber gewonnen. Ihr gemeinsamer Nenner und ihr gemeinsames Kriterium sind, dass man an keinem Wert dieser Welt Raubbau betreiben darf. Nur mit einem Handeln, das nicht auf Raubbau hinausläuft, werden wir der Welt und auch unserem Nächsten gerecht. Unverantwortliches Handeln hat immer die Struktur des Raubbaus: Man sucht irgendeinen Wert für sich selbst oder die eigene Gruppe zu erreichen, aber um den Preis, den gleichen Wert auf die Dauer und im ganzen der Wirklichkeit zu untergraben und zu zerstören. Raubbau besteht darin, Gewinn um den Preis zu machen, die Quellen des Gewinns zu zerstören. Man lebt gleichsam nach dem Motto: Nach uns die Sintflut!

Und oft merkt man nicht einmal, wie real unverantwortlich man handelt. Denn wir Menschen übersehen zu wenig die realen Folgen des eigenen Handelns, mit dem wir häufig das Gegenteil von dem erreichen, was wir eigentlich vorhatten. Wir wissen nie von vornherein definitiv, ob unser Handeln richtig ist. Wir können nur manchmal im Negativen definitiv erkennen, dass es so nicht geht. Unsere Umweltverschmutzung ist das heute am meisten in die Augen fallende Beispiel. Den Schaden, den man anrichtet, merkt man meist erst, wenn es schon zu spät ist. Raubbau hat sozusagen eine Inkubationszeit, bis er an den Tag kommt.

Es ist deshalb sehr mühsam, in neuen Lebensbereichen die Normen für unser Handeln zu erkennen. Gewöhnlich wird man erst aus Schaden viel zu langsam klug. Wie wir Menschen mit der Atomkraft umgehen sollen, das können wir nicht aus der Bibel erfahren. Wir müssen unsere eigene Vernunft gebrauchen. Unsere Vernunft ist aber niemals unfehlbar. Deshalb müssen wir noch bei unseren bestgemeinten Handlungen immer bereit sein, Rückmeldungen aus der Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, die uns über die tatsächlichen Folgen unseres Handelns belehren. Es bloß gut zu meinen genügt nicht. Unsere Ethik sollte immer eine uns selbst gegenüber skeptische Ethik bleiben ...

Jedenfalls also hat alles unverantwortliche Handeln die Struktur des Raubbaus und ist daran zu erkennen. Ob etwas Raubbau ist oder nicht, ist ein ganz objektiver Sachverhalt, der besteht, ganz gleich, ob es einem passt oder nicht. Man muss immer auf die Wirklichkeit selber schauen.

Wir sollen das Böse meiden und das Gute tun. Gut handeln ist allerdings mehr als nur richtig handeln. Wenn jemand im Selbstbedienungsladen nicht stiehlt, sondern die Ware bezahlt, dann hat er nichts Böses getan, und man kann ihm keinen moralischen Vorwurf machen. Aber dadurch allein ist er noch kein guter Mensch. Vielleicht hat er sich nur deshalb ehrlich verhalten, weil er vor den Fernsehaugen Angst hatte. Wer nur aus Angst, sonst erwischt zu werden, das Richtige tut, ist davon allein noch kein guter Mensch. Gut vor Gott handelt erst der, dem am Guten selbst liegt und wer es nicht widerwillig und gezwungen tut.

Zu wirklich gutem Handeln verhilft uns erst der Glaube, weil er uns von dem befreit, was uns sonst daran hindert, menschlich zu sein. Nur wer letztlich nicht aus der Angst um sich selbst leben muss, kann in Wahrheit selbstlos und liebevoll sein. Denn nur ein guter Baum bringt gute Früchte. In Wahrheit gute Werke sind Folgen aus dem Glauben. Damit ist nicht nur der ausdrücklich christliche Glaube gemeint. Denn es gibt auch anonymen Glauben, der einfach in einem Urvertrauen besteht. Im Licht der christlichen Botschaft sagen wir auch von solchem Urvertrauen, dass es bereits aus dem Geist Jesu lebt.

Wir entsprechen dem offenbaren Willen Gottes, wenn wir in allem, was wir tun, als Menschen leben, die sich in Gottes Liebe geborgen wissen, anstatt sich von der Angst um sich selbst leiten zu lassen. Ignatius von Loyola nennt diese Lebensweise +Gott suchen in allen Dingen*. Auch Martin Luther formuliert, dass +in Christus alles geistlich wird* (WA 40,2; 30,3). Er will damit ähnlich wie Ignatius sagen, dass ein Christ überhaupt alles, was er aus Glauben tut, zur Ehre Gottes tun kann.

IV. Berufung als Wille Gottes?

Wir haben bereits gesehen, dass mit Berufung zuallererst gemeint ist, dass Gott uns zum Glauben gerufen hat. Wir haben dann den Unterschied zwischen moralisch schlecht, moralisch richtig und im eigentlichen Sinn moralisch gut betrachtet. Aber auch innerhalb des Guten gibt es für gewöhnlich nicht nur eine einzige Möglichkeit.

Stellen wir uns einen Menschen vor, der vor seiner Berufswahl steht. Er denkt daran, Arzt oder Lehrer zu werden. Aber es kommt ihm auch der Gedanke, in einen Orden einzutreten oder Priester zu werden. Wie kann ich erkennen, was für mich der konkrete Wille Gottes ist?

Gewöhnlich denkt man wohl, dass immer nur eine einzige Möglichkeit als der Wille Gottes in Frage kommt. So als gäbe es im Himmel bereits einen festen Fahrplan. Die ganze Aufgabe bestünde dann nur darin, diesen Fahrplan auf irgendeine Weise herauszubekommen. Man brauchte zum Beispiel nur die jeweils beste Möglichkeit zu wählen. Aber ist es so evident, was konkret das Beste ist? Und wenn man das von vornherein wüsste, wäre ja beinahe gar nichts mehr zu entscheiden.

In Wirklichkeit wird es oft so sein, dass ein und derselbe Mensch viele verschiedene Möglichkeiten vor sich sieht, für die es kaum einen gemeinsamen Maßstab gibt, um zu sagen, welche die beste ist. Ein und derselbe Mensch könnte zugleich in ganz verschiedene Richtungen berufen sein; seine konkrete Berufung kommt erst genau dadurch zustande, dass er sich zu einer dieser Richtungen tatsächlich entscheidet.

Zu einer Berufung im Sinn des Glaubens gehört meines Erachtens nur, dass man seinen Weg als ein Mensch wählt, der sich von Gott geliebt weiß und nicht aus der Angst um sich selbst lebt; daraufhin kann man das, was man wählt, mit sachgemäßen Motiven wählen, so dass man zu dieser Wahl auch stehen kann.

Ich möchte es am Gegensatz erklären. Wer einfach aus dem Grund Arzt werden will, weil man dann relativ gut verdient, hat kein sachgemäßes Motiv. Es könnte irgendwann eine Regierung kommen, welche die Einkommensverhältnisse von Ärzten anders regelt. Dann würde das Motiv, aus dem jemand Arzt geworden ist, seine Entscheidung nicht mehr tragen. Es hat sich darum von vornherein nicht um eine Berufung gehandelt.

Wer jedoch Arzt würde, weil ihm daran liegt, der Gesundheit der Menschen zu dienen, und er auch die Fähigkeit zu einem solchen Beruf besitzt, von dem würde ich sagen, dass er einer wirklichen Berufung folgt. Sachgemäß sind solche Motive für eine Entscheidung, die es ermöglichen, in jeder Situation zu der Entscheidung zu stehen.

Wenn umgekehrt jemand einen sogenannten +geistlichen* Beruf wählt, also zum Beispiel Priester wird oder in einen Orden eintritt, dann ist damit allein durchaus noch nicht gesagt, dass er wirklich berufen ist. Am klerikalen Verhalten erkennt man nur zu oft die von vornherein falsche Motivation.

Zu einer wirklichen Berufung gehört auch hier, dass die Wahl aus der Grundhaltung des Glaubens geschieht und dass sie B die Eignung vorausgesetzt B mit sachgemäßen Motiven geschieht.

Und es scheint nun durchaus möglich, dass ein und derselbe Mensch zunächst gleichzeitig zu ganz verschiedenen Möglichkeiten berufen sein kann. Er könnte also mit sachgemäßen Motiven Arzt werden und damit wirklich einer göttlichen Berufung folgen. Aber derselbe Mensch könnte in einen Orden eintreten oder Priester werden und damit ebenfalls einer göttlichen Berufung folgen. Jemand könnte heiraten im Herrn und eine gute, liebevolle Ehe führen; und derselbe könnte auch ehelos bleiben im Herrn und darin der ganzen Kirche dienen. In beiden Fällen würde sie oder er durchaus einer göttlichen Berufung folgen. Also sowohl kirchliche wie nicht kirchliche Berufe können in dem Sinn +geistliche* Berufe sein und damit göttliche Berufung, dass sie von Menschen gelebt werden, die sich in Gottes Liebe geborgen wissen.

Mit sachgemäßen Motiven entscheide ich mich dann, wenn ich zu meiner Entscheidung auch unter ganz veränderten Bedingungen stehen kann. Zum Beispiel heiratet mit der richtigen Motivation, wer zu seinem Partner nicht nur in guten, sondern auch in schlimmen Tagen stehen will.

Aber wie soll man sich dann entscheiden? Die konkrete Berufung wird wohl erst in der Entscheidung selbst entschieden. Vielleicht ist das Entscheidende gar nicht, was man wählt, sondern die Weise, in der man es wählt. Wähle ich wirklich aus einer inneren Freiheit? Denn damit fallen bereits alle Entscheidungen mit unsachgemäßen Motiven weg.

Ignatius von Loyola hat aus einer eigenen Erfahrung heraus das Buch der +Geistlichen Übungen* geschrieben. In ihnen geht es zum einen um eine Weise, wie man als Christ mit Gottes Wort vertraut werden kann. Zum anderen wollen diese +Geistlichen Übungen* einüben, wie man als Christ gute Entscheidungen fällen kann. Ignatius möchte helfen, das zu wählen, was mehr zur Ehre Gottes ist. Aber was mehr zur Ehre Gottes ist, erkennt man am besten durch die Weise, wie man es wählt.

Es gibt für Ignatius manche Entscheidungen, die man von vornherein mit Glaubensgewissheit fällt. Diesen Fall nennt Ignatius die +erste Wahlzeit*. Er selbst nennt als Beispiel die Bekehrung des heiligen Paulus. Paulus ist in seiner Bekehrung aufgegangen, dass die bisher von ihm verfolgte Kirche und Jesus Christus so zusammengehören, dass der Glaube an Jesus Christus das Anteilhaben an seinem Verhältnis zu Gott ist. Entscheidungen mit Glaubensgewissheit sind solche Entscheidungen, an denen man gar nicht zweifeln kann, ohne damit in Willkür zu verfallen.

Für alle anderen Entscheidungen lehrt Ignatius zwei zueinander komplementäre Vorgehensweisen, die er als die +zweite* und die +dritte Wahlzeit* bezeichnet. Die Ausgangssituation für beide Wahlzeiten ist in den +Geistlichen Übungen* immer die Vertrautheit mit dem Leben Jesu und damit der Glaube. Zu Jesus will ich gehören und mich von seinem Geist erfüllen lassen. Meine Entscheidungen will ich als ein Mensch treffen, der Jesus die Gewissheit verdankt, in Gottes Liebe für immer geborgen zu sein.

Die +dritte Wahlzeit* besteht darin, die verschiedenen Alternativen für eine Entscheidung mit den Gründen dafür und dagegen zu bedenken. Wenn ich mich gut entscheiden will, muss ich ja wissen, worum es genau geht. Ich soll dabei meine eigenen Fähigkeiten bedenken und zugleich, was für die mir begegnende Wirklichkeit notwendig ist. Ich soll auch nicht blind irgendeine Möglichkeit wählen, die mir gerade in den Sinn kommt, sondern mich informieren und eventuelle Alternativen bedenken. Zum Beispiel möchte jemand der Kirche in einem Orden dienen. Er kennt zufällig einen Orden, den er sympathisch findet. Aber es ist ein Orden, der heute kaum mehr Nachwuchs hat. Dieser Grund könnte schwerwiegend genug sein, um einen vom Eintritt in diesen Orden abzuhalten. Kommt damit das Ordensleben nicht mehr in Frage? Oder gibt es vielleicht noch andere Alternativen? Gibt es einen Orden, der lebendig und unserer Zeit entsprechend ist? Will ich mich gut entscheiden, darf ich nicht von vornherein auf nur eine Möglichkeit fixiert sein, sondern soll alle Möglichkeiten bedenken, die überhaupt ernsthaft in Frage kommen können. Bei diesen verschiedenen Möglichkeiten kann man so vorangehen, dass man sich für jede von ihnen auf einem Blatt Papier in zwei Spalten die Gründe dafür und die Gründe dagegen aufschreibt. Und wenn es Gegengründe gibt, ist zu fragen, ob man ihnen durch irgendeine Änderung gegensteuern kann.

Nachdem man so in Entsprechung zur +dritten Wahlzeit* die Gegenstände möglichst objektiv betrachtet hat, die zu einer Entscheidung anstehen, empfiehlt Ignatius noch eine andere Weise der Prüfung, die er als die +zweite Wahlzeit* bezeichnet. Diese Wahlzeit besteht darin, über einige Zeit auf das innere Echo zu achten, das sich einstellt, wenn man sich mit dem Gegenstand einer möglichen Entscheidung befasst und sozusagen damit träumt. Verspüre ich dabei Trost und Freude, oder gibt es so etwas wie Sand im Getriebe? Wenn letzteres der Fall ist, herauszubekommen suchen, woran das liegt.

Aber falls man in dieser +zweiten Wahlzeit* nicht durch die Erfahrung von Trost und Trostlosigkeit zur Klarheit kommt, kann auch die bloße Erwägung von Gründen für und gegen die verschiedenen Möglichkeiten durchaus zu einer verantwortbaren Entscheidung ausreichen. Deshalb spricht Ignatius hier von der +dritten Wahlzeit*.

Der Sinn dieser Hinweise zur rechten Entscheidung ist, dass man sich so entscheidet, dass man zu seiner Entscheidung auch stehen kann und sich nicht später sagen muss: Hätte ich es mir doch besser überlegt. Aber die Entscheidung selbst nehmen einem auch diese Hinweise nicht ab.

Ich sagte, dass die konkrete Berufung erst in der Entscheidung selbst entschieden wird. Wenn jemand als ein Mensch, der sich von Gott geliebt weiß, mit sachgemäßen Motiven entscheidet, dann ist das, wozu er sich de facto entscheidet, eine eigentliche Berufung. Und in diesem Sinn kann man durchaus sagen, dass Gott uns genau auf dem Weg führt, den wir selbst wählen.

Gott will, dass wir auf dem Weg, den wir so wählen, im Innersten zufrieden sind. Die christliche Vollkommenheit besteht darin, in allen Situationen und Aufgaben +sich Gottes zu freuen*. Wir sollen wissen, dass wir Gott nicht nur in einzelnen frommen Werken dienen, sondern in überhaupt allem, was wir mit Liebe zur Sache und sachgemäßen Motiven tun können, weil wir Menschen sind, die sich in Gottes Liebe für immer geborgen wissen.

Früher sprach man gern zum Beispiel vom Ordensleben als dem +Stand dem Vollkommenheit*; aber die wahre Vollkommenheit besteht allein darin, dass alle Glieder des Leibes miteinander zusammenstimmen und einander dienen. +Gott hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, jeder einzelne ist ein Glied an ihm* (1 Kor 12,24b 27). Dann aber gilt: +Alles, was ihr in Wort oder Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott dem Vater* (Kol 3,17).

Zusamenfassende Thesen:

1. Gott ist der, +ohne wen nichts ist*. So ist er der +in allem Mächtige*: Alles in der Welt geschieht nach seinem verborgenen Willen. +Kein Sperling fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle ge­zählt.* (Mt 10,29f)

2. Der verborgene Wille Gottes ist für uns nicht im voraus erkennbar. Man kann nichts aus ihm herleiten, sondern nur alles auf ihn zurückführen. Auch unsere freiesten Handlungen sind solcherart, dass sie ohne Gott nicht sein können. Denn alles Geschaffene geht restlos in einer einseitigen Relation auf Gott auf; wegen dieser Einseitigkeit besteht kein Determinismus.

3. Dass Gott der in allem Mächtige ist, ist für sich allein genommen noch keine wohltuende Aussage. Denn dies allein bedeutet noch keine Gemeinschaft mit Gott. Unsere Gemeinschaft mit Gott erfahren wir erst durch Gottes Wort.

4. Gottes offenbarer Wille begegnet uns im Wort der christlichen Botschaft. In seinem Wort beruft Gott uns zum Glauben, so dass wir als Menschen leben, die sich in seiner Liebe geborgen wissen und sich deshalb nicht mehr von der Angst um sich selbst leiten lassen. Nicht einmal der Tod kann uns von der Gemeinschaft mit Gott trennen. Wenn wir also bitten +Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden*, beziehen wir uns darauf, dass der im Himmel geschehende Wille Gottes die ewige Liebe zwischen Vater und Sohn ist, in die wir uns im Glauben auch hier auf Erden aufgenommen wissen. Glauben heißt, vom Heiligen Geist erfüllt sein.

5. Der Glaube ist die Freiheit, dass wir uns nicht mehr durch die Angst um uns selbst hindern lassen, der Wirklichkeit der Welt gerecht zu werden. Der Glaube befreit auch aus dem Starrsinn und der Gleichgültigkeit des +sah ihn und ging vorüber* (vgl. Lk 10,31f). Er befreit aus Unmenschlichkeit und macht uns menschlich.

6. Die einzelnen Normen für unser Handeln werden uns nicht offenbart, sondern sind mühsam aus der Welt selbst zu erkennen, die ja Gottes Schöpfung ist und dadurch von vornherein mit Gott zu tun hat. Unverantwortliches Handeln hat immer die Struktur des +Raubbaus*: Man sucht einen Wert für sich oder die eigene Gruppe zu erreichen, aber um den Preis, eben diesen Wert auf die Dauer und im ganzen zu untergraben.

7. Es gibt gewöhnlich auch innerhalb des Guten mehrere Handlungsmög­lichkeiten, unter denen man wählen muss. Was ein Glaubender mit sachgemäßen Motiven wählt, entspricht seiner Berufung zum Christsein und ist damit eine +geistliche Berufung*; denn +in Christus wird alles geistlich* (Martin Luther). Auch die aus­drücklich +kirchlichen* Berufe sind nur dann +geistliche* Berufe, wenn sie aus Glauben und mit sachgemäßen Motiven gewählt werden.

8. Unsere Entscheidung ist nicht gleichsam im Himmel bereits vorgegeben, so dass wir nur noch herauszubekommen hätten, was für uns entschieden worden ist. Viel­mehr führt Gott uns den Weg, den wir selbst B als Glaubende! B wählen.

9. Die christliche Vollkommenheit besteht darin, in allen Situationen und Aufgaben +sich Gottes zu freuen* (Ignatius von Loyola).



Lit.: Peter Knauer SJ, Unseren Glauben verstehen, Echter-Verlag Würzburg 2007, 7. Aufl., 248 S., ISBN 3-429-00987-1.








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