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Aufzeichnungen von Luise Schättler


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Aufzeichnungen von
Luise Schättler
(01.09.1886 - 01.07.1969)
über die Ereignisse der Kriegsjahre 1914-16


nach einer Abschrift von Helga Melle aus dem Jahre 2001

Hammer bei Nürnberg, Bayern

Post Laufamberg, am 20.Sept.1915

Es sind nun 4 Jahre, daß ich zuletzt hier war im schönen Hammer, und diese letzten 4 Jahre waren die allerglücklichsten meines Lebens. Wie schnell sind sie dahingegangen, und wer hätte je geahnt, daß ein so großer, schrecklicher Krieg allem Glück ein so jähes Ende bereiten würde. Damals im Jahre 1911 war ich eine junge, glückliche Braut, und habe wunder­bar schöne Stunden mit meinem so heißgeliebten, strahlend glücklichen Bräutigam hier verlebt. Jetzt stehe ich hier, eine tief trauernde Witwe, an der Hand unser einziges, gelieb­tes, kluges Kind, unsere Marga, welche durch den unerbittli­chen Weltkrieg so früh schon vaterlos geworden. Wie allein fühlen wir beide uns, die wir so überaus glücklich mit unse­rem lieben Gatten und Vater gewesen sind, der uns so innig liebte, der uns auf Händen trug durch all die Jahre unseres Zusammenseins.


Auch hier ist es still geworden, seit meine liebe, gute Tante Johanna zu Grabe getragen wurde, am 23. April 1913. Auch mein lieber Gatte gab ihr damals das letzte Geleit. Stolz und schön sah er aus in seiner schmucken Offiziersuniform, hätte Tante ihn einmal nur so sehen können! Mit meiner Tante ist eine herzensgute, kluge und königliche Frau dahingegangen. Sie liebte Leben um sich her. Selbst leidend, hatte sie aber doch stets Gäste in ihrem Hause. Jeder fühlte sich glücklich, der einige Zeit in der schönen Villa in Hammer verbringen konnte. Jetzt ist mein Onkel Carl, der einzige Bruder meines lieben Vaters, allein mit seiner Schwester Mina. Kinder hat er keine, und so ist ihm mit seiner Frau alles genommen. Zu Hause bei uns hängt ihre Fotografie nebst einem Nachruf, den mein Onkel selbst verfaßt hat, und der seine große Liebe und Dankbarkeit, die er für seine Gattin hatte, zum Ausdruck bringt. -

Hätte meine Tante Johanna gewußt, daß mein lieber Heinrich so bald ihr folgen würde! Sie war so stolz auf ihren neuen Neffen, der so gesund, so blühend und schön war, wohl der Schönste von allen.


Jetzt sind wir im Monat Juni des Jahres 1916. Es liegt wieder manches hinter mir. Und hier in Gießen, wo ich jetzt wieder mein Heim habe, will ich aus meinen Erinnerungen nun manches niederschreiben für mein, für „unser Kind", - Zuerst will ich die Erlebnisse während des Krieges schildern, in welchem wir noch mitten drin stehen, und später will ich aus den Tagen unseres großen Glückes erzählen. Das Tagebuch meines lieben guten, unvergeßlichen Mannes, welches er draußen im Felde während zweier Monate Kriegsdauer führte, lege ich zu dem meinigen.
Im Monat Juli des Jahres 1914, man dachte noch nicht im gering­sten an den nahen Krieg, wurde hier in Gießen das Jugendfest gefeiert, und zwar am 23. Juli. Es fiel in die Ausstellungs­zeit hinein, denn in Gießen fand in diesem Sommer eine Gewerbeausstellung statt, die von allen benachbarten Städten und Dörfern stets sehr gut besucht war. Und besonders die Einwohner Gießens besuchten die Ausstellung und Konzerte sehr fleißig. Ich war nämlich mit meinem lieben Manne und Klein-Marga auf einige Tage zu Besuche hierher zu meinen lieben Eltern und Schwester Klotilde gekommen. In Cassel hatten wir unser schönes gemütliches Heim. Meine lieben Eltern hatten uns so herzlich zu diesem Jugendfest eingeladen, so daß wir nicht widerstehen konnten, sondern der lieben Einladung Folge leisteten. Und wie glücklich sind wir in diesen Tagen gewesen, welch eine Freude hatten wir bei dem Kinderfest an unserer 2 ½ jährigen Marga. Wie alle Kinder an diesem Tage, so trug auch sie ein weißes Kleidchen und im Haar ein Kränzlein aus rosa Nelken und Efeu. Das Kind sah so liebreizend aus mit seinem Kränzlein auf dem schönen blonden Haar. Und wie strahlten die großen Blauaugen, als sie den großen Festzug sah, gebildet aus lauter Knaben und Mädchen, die unter Führung von Lehrern und Lehrerinnen, begleitet von vielen Musikkapellen, mit Fähnchen und Blumen geschmückt, hinauszogen in den Philoso­phen-Wald. Dort wurden frohe Spiele getrieben, sich gelabt an guten Getränken und Speisen. Die Kinder wurden alle mit einem kleinen Geschenk bedacht. Es war ein wunderschönes Wetter, und alles freute sich draußen im Walde. Wie glück­strahlend betrachtete mein lieber Mann sein Kleinchen, nie werde ich es vergessen. Wie hat überhaupt sein Herz an dem Kinde gehangen! Glücklich und froh kehrten wir abends ½ 8 Uhr wieder nach Hause zurück. Den Abend verbrachten wir mit den lieben Eltern und einigen Bekannten zusammen in der Aus­stellung, in der Festhalle bei Konzert, Vorträgen usw. Es war ein schöner, lustiger Abend. Am nächsten Vormittag be­suchten mein lieber Mann und ich wieder die Ausstellung, besichtigten alles eingehend, frühstückten dann fein in der Festhalle und waren so glücklich wie zwei Kinder. So glück­lich waren wir eigentlich immer, und deshalb fielen wir wohl auch den Menschen so auf, denn überall, wohin wir kamen, wurden wir angesehen und immer wieder angesehen. ,,Ein schö­nes Paar" hieß es dann stets, und anderes mehr; mein lieber Schatz, groß und schlank und blond, ein blühendes, kluges Gesicht, ich mußte immer wieder seine Schönheit bewundern, meist natürlich heimlich. Ich reichte meinem lieben Gatten mit meinem dunklen Scheitel gerade bis an sein blondes ge­stutztes Schnurrbärtchen, von unserem kleinen Neffen Hans einmal ,,Zahnbürstchen“ genannt. Naja, also jedenfalls wurden wir überall bewundert, ich glaube, alle Menschen sahen, daß wir einzig glücklich waren. - Zum Mittagessen kehrten wir heim, bejubelt von unserer kleinen lieben Maus. Nachmittags machten wir einen schönen Spaziergang und abends fuhr mein lieber Heinrich wieder nach Cassel zurück. Er stand in der Vorbereitung zur Prüfung zum ,,Eisenbahn-Betriebs-Ingenieur", welche im Oktober stattfinden sollte, und da wollte er nicht länger bleiben, sondern wieder tüchtig arbeiten. Das Kind und ich sollten aber noch Samstag und Sonntag hier bleiben bei den lieben Eltern und Kloti, und am Montag wollte uns unser lieber Vati wieder in Cassel erwarten. Und in diesen 2 Tagen, Samstag und Sonntag, da tauchte mit einemmal der Gedanke an einen möglicherweise nahe bevorstehenden Krieg auf. Es war nämlich im Juni 1914 der österreichische Thronfol­ger Erzherzog Franz Ferdinand nebst Gemahlin durch Serben er­mordet worden, und Österreich stand mit Serbien in Unterhand­lung und forderte Sühne. Da ging ein spannender Atemzug durch die ganze Welt und man harrte der Dinge, die nun kommen wür­den; aber doch hätte niemand gedacht, daß solch ein Krieg kommen würde. - Ich reiste also am Montag abend gegen 6 Uhr mit Marga in Gießen ab, um 8.03 in Cassel zu sein. Wir freu­ten uns auf das Wiedersehen mit dem lieben Vati. Aber als ich in Marburg beim Einlaufen des Zuges aus dem Fenster sah, erblickte ich zu meiner größten Überraschung und Freude den lieben Vati, der uns bis dahin entgegengereist war und uns strahlend begrüßte. So reisten wir denn schön zusammen. Hein­rich erzählte mir dann, daß in Cassel eine große Aufregung herrschte, und daß angenommen würde, der Krieg sei in Kür­ze zu erwarten. Hier in Gießen war alles ruhig gewesen, man wollte nicht so recht daran glauben; aber an dem Abend, als wir abreisten, da fing die Unruhe auch in Gießen an. - Wir kamen gut in Cassel an, und am Abend erlebte ich schon die mächtige Aufregung mit. Überall wurden Depeschen angeschlagen überall hörte man schon ,,Deutschland, Deutschland über alles" und ,,Die Wacht am Rhein“ singen, es dauerte bis 12 - 1 Uhr in die Nacht hinein. So ging es durch die ganze Woche, bis am 1. August der Kriegszustand über Deutschland verhängt wurde, dem am 2. August die Mobilmachung folgte. Am 31. Juli früh 7 Uhr reiste mein lieber Mann nochmals nach Gießen, denn man konnte ja nicht wissen, was die nächsten Stunden bringen würden, und mein lieber Heinrich war Reserveoffizier, konnte möglicherweise gleich Order bekommen, mit den Truppen auszu­rücken. Um 4 Uhr wollte er zurückkommen, ich ging mit Marga an die Bahn, ihn abzuholen. Der Zug hatte 1 Stunde Verspätung. Alles war überfüllt von Reisenden in Zivil und Uniform, alles eilte nach der Heimat oder Garnison. Es war ein interessantes aufregendes Bild. In aller Augen spannende Erwartung, in vielen Frauenaugen eine geheime Angst, ob wohl ihr lieber Gatte auch gleich mit hinaus muß, ob sie ihn jetzt noch an­trifft, wenn sie nach Hause kommt, oder ob er schon hat ab­reisen müssen. Mütter, Väter bangten um ihre Söhne, alle wollten doch noch Abschied voneinander nehmen. Die Straßen so belebt mit Menschen, daß man kaum durchkonnte.. Eng aneinandergeschmiegt gingen wir nach Hause, im Herzen die große Frage: Was wird kommen? Und der Krieg kam, er war da, von unseren Feinden und Neidern voll Haß heraufbeschworen. Deutsch­land wurde zu den Waffen gezwungen, die es so gern hätte in schönem Frieden ruhen lassen. -
Am 2. August war der erste Mobilmachungstag. Es war ein herr­licher Sonntag, die Sonne leuchtete über dem schönen Cassel und über der wunderbaren ,,Wilhelmshöhe". Wir gingen zusammen ein Stündchen spazieren, und zuletzt gingen wir noch zum Fotografen, der liebe Vati wollte, wenn er fort mußte, eine Fotografie von seinem lieben Frauchen und seiner kleinen Maus haben. Die Bildchen sind auch schön geworden und mein lieber Mann freute sich sehr darüber. - Um 5 Uhr nachmittags rückte das 83. Infanterie-Regiment aus und abends noch das Artillerie-Regiment. Wer mit ansah, mit welch berauschender Begeisterung unsere Truppen auszogen, mit welchem Jubel, blumengeschmückt, sie unter klingender Musik und Spiel, be­gleitet von einer endlosen Volksmenge zum Bahnhof marschier­ten, der wird es nie vergessen. Mein Leben lang wird mir dieser Tag im Gedächtnis bleiben, und auch noch manch anderer.
Mein Mann war Reserve-Offizier beim Infanterie-Regiment ,,Kai­ser Wilhelm" Nr. 116 in Gießen. Von der Eisenbahn-Direktion war er vorläufig reklamiert, brauchte also nicht gleich mit auszurücken. Er nahm deshalb an, er sei zur Eisenbahn-Forma­tion vorgesehen. Auf Befragen erfuhr er, daß dies nicht der Fall ist, daß er eben reklamiert sei. Aber das wollte er nicht; mit Leib und Seele Soldat, kerngesund und tatkräftig, wollte er nicht zurückstehen, wenn alle auszogen, für ihr geliebtes Vaterland zu kämpfen. Er sagte mir: „Ich bin doch nicht nur zum Vergnügen Offizier geworden, um in Friedenszeiten meine schöne Uniform spazieren zu tragen- nein - wo es jetzt gilt -wo alles für Deutschland auf dem Spiele steht, da will und muß ich meine Pflicht als Offizier tun“. - Er reichte nun ein Gesuch um Befreiung von der Reklamation an die Eisenbahn-Direktion ein, ebenso sein guter Freund Karl Wüsteney, v. Schmie­den, Förste. Nach fünf Tagen unruhvoller Erwartung erhielt mein lieber Mann die Genehmigung seines Gesuches: Er konnte sich nun freiwillig dem Heere zur Verfügung stellen, aber unter der Bedingung, daß er seine künftige Adresse der Direktion mit­teilte. Strahlend begeistert kam er am 13. August mittags nach Hause zu mir mit Genehmigung des Gesuches. Er hatte sich schon beim Bezirkskommando in Cassel gemeldet, doch man konn­te ihn dorten nicht mehr einstellen. Er wollte nun so schnell wie möglich hierher zu seinem geliebten Kaiser-Wilhelm-Regiment. Natürlich wollte er mich und das Kind gleich mitnehmen, wir sollten nicht allein zurückbleiben, wußte er doch, daß ich unter der Trennung sehr leiden würde und mir viel Sorgen ma­chen würde, wenn er hinauszog ins Feld. Er war ja stets so lieb besorgt um uns. Bei meinen Eltern hier in Gießen hätte ich Trost und Halt, meinte er, und so ist es ja auch. Es ging nun an ein Kofferpacken, ordnen und dergleichen mehr, wie es eben ist, wenn man auf unbestimmte Zeit sein Heim verläßt. Ich hatte zu tun bis in die Nacht hinein, und mein lieber Mann machte seinen Offizier-Koffer noch um 12 Uhr nachts fertig fürs Feld. -

Der letzte Morgen in unserem trauten, schönen Heim kam auf­gezogen, wir hatten noch viel zu tun, ein Glück, daß wir nicht so viel zum Nachdenken kamen. - Um ½ 2 Uhr mittags ging unser Zug; aber er ging nur bis Treysa. Aller Personen- und Frachtverkehr war gesperrt, es ging nur ein einziger Personenzug am Tage. Wir hatten aber Glück und konnten in Treysa nach l stün­digem Aufenthalte, wo wir unseren Kaffee im Wartesaal einnah­men, mit einem Militärzuge weiterfahren, leider nur bis Mar­burg. Dort wurden Offiziere und Mannschaften verpflegt und wir mußten wieder heraus. Die Offiziere, mit denen wir reisten, waren alle so nett und hilfsbereit, und unter den besten Wün­schen verabschiedeten wir uns. Unser Gepäck wurde von einigen Soldaten herausgeschafft, und nun standen wir in Marburg auf dem Bahnsteig um 6 Uhr abends, und warteten, bis ein Zug käme der uns mit nach Gießen nehmen würde. Und wir hatten wieder Glück. Um ½ 7 Uhr kam ein Militärzug eingelaufen, über und über mit Eichenlaub und Birkengrün und Buchenzweigen geschmückt. Heinrich wandte sich wieder an den Offizier, welcher den Transport leitete und bat ihn, daß er ihn und seine Familie mit sämtlichem Gepäck doch mitnehmen möge, was gern gewährt wurde. Nun wurden die Koffer wieder aufgeladen und wir stie­gen ein in ein mit Rosen und Nelken reich geschmücktes Offi­zier-Abteil 1. Klasse. Wir unterhielten uns sehr angeregt, und da unser Liebling auch sehr brav war, hatten wir eine gute Reise. Um 9 Uhr kamen wir wohlbehalten in Gießen an, und nahmen herzlichen Abschied von den mitreisenden Offizieren, ein Major und ein Hauptmann waren dabei. Der Bahnhof lag in tiefster Dunkelheit - es waren feindliche Flieger gemeldet -aber sie sind nicht bis hierher gekommen. - Hier wurden wir schon am Bahnhof freudig begrüßt von unseren Lieben, Tante Minna von Nürnberg war auch da; sie warteten schon von 5 Uhr an auf uns. Mit dem Auto gings dann schnell nach Hause, wo wir noch ein Plauderstündchen hielten und unsere Reiseerleb­nisse erzählten. Was würden unterwegs so viele Liebesgaben ausgeteilt: heißer Kaffee, Kuchen, belegte Brote, Zigarren, Zigaretten, Schokolade, Ansichtskarten, Limonade usw. Jeder gab mit vollen Händen, und aus tausend Kehlen klang ein kräf­tiges Hurra! bei jeder Ausfahrt aus den Bahnhöfen. Tücher-schwenken - Händewinken - unter lautem Jubel mit Singen und Klingen dem Feinde entgegen. - - -


Am 14. August morgens 8 Uhr meldete sich Heinrich hier beim Bezirkskommando und wurde sofort dem Ersatzbataillon des Infanterie-Regiments ,,Kaiser Wilhelm" Nr. 116 zugeteilt. Später wurde er zu dem hier neu aufgestellten Reserve-Infantrie-Re­giment Nr. 222 kommandiert und zum Adjutanten des 1. Bataillons dieses Regiments ernannt. Dann bildete er zwischendurch als Kom­panieführer noch die 2. Kompanie aus. So vergingen die Tage und Wochen so schnell, es war eine so herrliche Zeit. Alle Liebe drängte sich noch zusammen in diesen letzten Wochen, die uns wie von Gott geschenkt vorkamen. Ganz im Stillen bangte man aber doch vor der Abschiedsstunde, die einmal kommen würde. Doch tapfer und stark verbarg eines dem anderen die geheimen Sorgen, um ihm die letzten Tage des Zusammenseins nicht zu schwer zu machen. Und dann kam der 21. September, der Tag des Ausrückens! Schon einige Tage vorher begannen die Vorberei­tungen, es wurde noch manches Nötige eingekauft: Schlafsack, Feldwaschschüssel, Kochgeschirr und Spiritusbrenner, Konser­ven, Schokolade, Zucker, Zwieback, Kerzen, Feuerzeug, Stiefelcreme und was alles. Eine schöne Kamelhaardecke durfte auch nicht fehlen, damit er sich schön warm einwickeln könne, ehe er in den Schlafsack schlüpft. Und die Ausrüstung für das Pferd wurde noch fürs Feld vervollständigt. Heinrichs Bursche, Max Knopf, hat uns schön unterstützt darin, er besorgte sogar ohne geheißen ein schönes Nähzeug für meinen lieben Mann, mit allem, was dazugehört. Auch diese Stunden gingen vorüber und es kam der letzte Tag unseres Zusammenseins hier in Gie­ßen. Es war ein Sonntag. Nachmittags waren Heinrichs Eltern und sein Bruder Karl noch einmal da, erstere um Abschied zu nehmen, weil mein Heinrich keine Zeit mehr hatte, hinzukommen. Sein jüngster Bruder Karl hatte sich freiwillig von der Schule aus zum Heeresdienst gemeldet und sich dann, als Heinrich die 2/222 führte, zu seiner Kompanie versetzen lassen. Es war ja ein ,,Freiwilligen"-Regiment, jung und stolz und stark, wie die vielen Regimenter alle, die aus Freiwilligen zusammenge­stellt waren, Deutschlands größter Stolz!

Und dann kam der Abschied. Montag, den 21. September morgens 8.15 Uhr fuhr der Eisenbahnzug, geschmückt mit Laub und Tannengrün mit seinen vielen hundert jungen, begeisterten Soldaten aus der Bahnhofshalle hinaus, nach Bischweiler im Elsass, Truppenübungsplatz Hagenau, wo das Regiment die letzte Ausbil­dung noch genießen sollte. Früh um 4 Uhr schon mußten wir auf­stehen, ich ließ es mir nicht nehmen, das Frühstück für meinen Lieben selbst zu bereiten, aber mein liebes Mütterchen hat doch auch seines Amtes gewaltet. So konnte ich noch einmal mit meinem Geliebten am Kaffeetisch sitzen, wer weiß, ob es nicht das letzte Mal ist? Um 5 Uhr, es war noch ganz dunkel, führte der Bursche das Pferd in den Hof. Mein Mann mußte ½ 6 Uhr am Bahnhof sein und als Adjutant den Zug abnehmen und ein­teilen für die Offiziere und Mannschaften, Pferde, Wagen, Bagage und was alles dazugehört. Er hatte eine Riesenarbeit.


Also die Zeit des Abschiednehmens war da. Unsere kleine Marga schlummerte noch süß, als ihr lieber Vati sie zum Lebewohl­sagen küßte und ihr noch einmal über das Blondköpfchen strich, leise und zart, voll tiefer, inniger Vaterliebe. Das Kind schlief selig weiter. Dann kam der Abschied von Eltern und Schwester und der schwerste Augenblick war gekommen, da mein innig geliebter Mann feldmarschmäßig ausgerüstet mich noch einmal an sein treues, starkes Herz drückte, mich noch ein­mal mit innigem Liebesblick umfaßte und küßte, zum letzten Mal? Mir rannen heiß die Tränen über die Wangen und auch seine schönen, großen, graublauen Augen verschleierten sich. Doch er war gleich wieder stark, lächelte mich an und drohte mir und sagte: ,,Aber Lieb, was machst du denn?“ Da nahm ich alle Kraft zusammen, ich wollte ihm den Abschied doch nicht schwerer machen, als er ihm so schon war, und unter versiegenden Tränen lachte ich meinen Geliebten treu und glücklich an, meine ganze große Liebe in diesen Blick legend und dankbar, lieb schaute er mich an. Ich steckte ihm noch schnell eine rote Rose an die Brust als Liebespfand und auch sein schönes schwarzbraunes Pferd hatte ich mit Blumen geschmückt. Er schwang sich in den Sattel und ritt in den dunklen Morgen hinein.

Sein Wunsch war am Tage zuvor, ich möchte nicht mit zur Bahn gehen, ich würde mich sicher sehr aufregen und das könne er nicht ertragen. Da wollte ich ihm auch den Wunsch erfüllen und versprach ihm, hierzubleiben; aber als er dann fortgeritten war, da konnte ich nicht anders, ich weckte das Kind, das er doch gerne noch einmal munter sehen wollte, und welches doch auch seinem geliebten Vati lebwohl sagen wollte. Er wollte ja, wenn möglich, vom Bahnhof noch einmal herkommen, um seinen kleinen Liebling noch einmal wach zu sehen. Aber die Zeit ging hin, er kam nicht mehr, konnte nicht mehr kommen. Um 7 Uhr kam sein Bursche und sagte mir, es sei dem Herrn Leutnant ganz unmöglich, noch einmal zurückzukommen. Der Bursche trank dann bei uns seinen Morgenkaffee mit Zwetschgen­kuchen, der zum Abschied gebacken worden war, und ging wieder zum Bahnhof. Um ½ 8 Uhr ging das junge stolze Regiment mit Musik vorbei nach der Bahn. An der Spitze zu Pferde der Oberst Rott, der Bataillonsführer Freiherr v. Rotsmann, dann der Regimentsadjutant Leutnant Müller-Hempfling. Überall an der Straße standen Angehörige und Bekannte, die noch ein letztes ,,Lebewohl, Gott schütze dich“ den lieben Scheidenden zurie­fen. Blumengeschmückt zogen alle hinaus. Als die letzten vorbei waren, hatte ich keine Ruhe mehr, ich mußte noch ein­mal mit dem Kinde den Vati sehen. Schnell fertig gemacht und mit der Elektrischen an den Bahnhof gefahren. Klotilde war schon früher hingefahren. Großvater begleitete uns. An der Sperre wollte man uns erst nicht durchlassen, aber als Herr Hauptmann Urstadt zu uns kam und man wußte, wer wir waren, da konnten wir ohne weiteres hinein zum Bahnsteig. Und da stand gerade der liebe gute Mann, und mit freudiger Überra­schung begrüßte er uns. Sein kleines Töchterchen reichte ihm 2 schöne Rosen, eine rote und eine weiße, die er glück­strahlend und gerührt zugleich empfing. Wie freute er sich nun, und wie dankte er es mir, daß wir doch noch gekommen waren. Es war noch ein Viertelstündchen bis zur Abfahrt des Zuges. Alles war schon in den Wagen untergebracht und dann war es höchste Zeit zum Einsteigen. Die Offiziere stiegen in ihre Abteils hinein, noch ein letzter Händedruck und Kuß, und unter den Klängen der Musik ,,Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus“ setzte sich der Zug in Bewegung. Ein tausend­stimmig ,,Hurra“! Und dann ,,Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ usw. Ein Winken und Grüßen noch, bis der Zug den Zurückbleibenden entschwunden war. Dieser Abschied war ohne Tränen ge­wesen, treu und stark begegneten sich Auge und Herz. Mit Gott für König und Vaterland! -


November 1917.

Ich habe so lange nicht dies Buch in der Hand gehabt, aber ich hoffe, daß ich jetzt mehr Zeit und Muße habe und doch end­lich mit meinen Aufzeichnungen zu Ende komme. Ein ganzes Jahr hindurch, von Juni 1916 bis Mai 1917 bin ich als ,,Schwester vom Roten Kreuz“ in einem Lazarett hier in Gießen Tag für Tag tätig gewesen. Der Dienst war ziemlich anstrengend und währte täglich von morgens 8 bis ½ 1 oder auch 1 Uhr und nach­mittags von ½ 4 bis ½ 8 oder 8 Uhr. Da hatte man natür­lich wenig freie Zeit, und deshalb konnte ich auch nicht dies Buch weiterführen. Mitte Mai 1917 erkrankte ich nebst Margachen an Diphtherie, die Kleine lag schon seit 8. Mai zu Bett. Das waren schwere, sorgenvolle Wochen, besonders auch für meine liebe Mutter, unsere „Großmutti“, die unsere Pflege übernommen hatte. Das Kind und ich erhielten eine ,,Heilserum-Einspritzung", und wurde auch danach unser Befinden besser; aber es hat doch noch wochenlang gedauert, bis wir uns wie­der vollständig erholt hatten. Die kleine Maus, welche neben­bei bemerkt am 20. Februar d. J. 5 Jahre alt geworden war, mußte sehr geschont und in Acht genommen werden, sie durfte keine Treppen steigen, nicht springen und tollen beim Spiel, damit ja das Herz nicht angegriffen wird. Ich habe das Kind keinen Augenblick ohne Aufsicht gelassen. Jeden Tag sind wir dann, als wir wieder so einigermaßen dazu imstande waren, mit der Elektrischen hinausgefahren bis ans ,,Schützenhaus“. Da waren wir dann gleich im Wald und dort in der guten schö­nen Luft und der göttlichen Ruhe, da haben wir uns so lang­sam gesundgebadet. Im Monat August nahmen wir eine kleine Luftveränderung vor, die uns unser guter Arzt, Herr Sanitäts­rat Dr. Schliephake, vorgeschlagen und empfohlen hatte. Wir reisten über Frankfurt - Darmstadt nach Ober-Ramstadt, fuh­ren von da mit der Post nach Brandau und dann gingen wir noch ¾ Stunden zu Fuß, bis wir hinauf nach Neunkirchen kamen, das liegt hoch oben auf der ,,Neunkircher Höhe" im Odenwald. Dort wollten wir uns vollends stärken und kräftigen. Und das ist auch so geworden. Der Aufenthalt dorten in der frischen, kräftigen Höhenluft, die Wanderungen und die Ruhestunden in den herrlichen Laub- und Tannenwäldern sind uns ausgezeich­net gut bekommen. Die Verpflegung ließ auch nichts zu wünschen übrig, es wurde für alles bestens gesorgt. Wir erholten uns sehr gut, Marga bekam ihre runden, rosigen Bäckchen wieder, auch ich nahm an Körpergewicht zu, und meine Nerven, die so heruntergekommen waren durch all das Leid, das der Krieg über mich gebracht hat, und durch die anstrengende Kranken- und Verwundetenpflege im Lazarett, stärkten sich wie­der. Durch die Vermittlung des Arztes im Lazarett, Herrn Stabsarzt Dr. Schaeffer, und meines behandelnden Arztes, Dr. Schliephake, der nun auch an Stelle des Herrn Dr. Schaef­fers unser Lazarettarzt ist, erhielt ich vom ,,Roten Kreuz“ die Vergünstigung eines billigeren Aufenthaltes in Neunkir­chen als dies sonst der Fall gewesen wäre. Der volle Tages­preis für Wohnung und Verpflegung war 6,50 M, ich brauchte für mich nur 3 M zu zahlen, das übrige legte das ,,Rote Kreuz“ drauf. Für Marga zahlte ich täglich 4,50 M. Neunkirchen ist ein kleiner Ort, hat nur 18 Häuser; aber es liegt einfach herrlich! Man ist gleich im Wald, hat eine prachtvolle Aussicht von allen Wegen und Plätzen. Man sieht bis hinunter nach Darmstadt, die Taunusberge grüßen aus der Ferne, links zieht sich die Bergstraße dahin. - Steigt man hinauf auf den Kaiserturm, der sich oben im Walde erhebt, so hat man einen nie zu vergessenden Rundblick. Wie herrlich sahen wir Darmstadt lie­gen, mit all seinen schönen Türmen, wie Ludwigsäule, Hochzeits­turm, Ludwigshöhe und andere. Auf der Reise nach Neunkirchen hatten wir in Darmstadt einige Stunden Aufenthalt. Ich fuhr mit Marga mal in die Stadt hinein, um dem Kinde einmal die fremde Stadt mit ihren Schlössern und Denkmälern zu zeigen. Für mich erwachten schöne Erinnerungen, denn als junge Ehe­leute, unser Kindchen war ein Jahr alt, verlebten wir 2 schö­ne, glückliche Tage in Darmstadt und in der Bergstraße. Hein­rich, mein lieber Mann, machte damals eine militärische Übung als Reserve-Offizier bei seinem Kaiser-Wilhelm-Regiment in Gießen, und mußte auf 4 Wochen mit diesem nach Griesheim bei Darmstadt auf den großen Truppenübungsplatz. Ich besuchte ihn auf sein Bitten dorten und wir genossen 2 volle, glückselige Tage. In Darmstadt wohnten wir in der Rheinstraße im Hotel ,,Heß“. Fein und gut! Mein lieber Mann zeigte mir Darmstadt, wir gingen hinaus nach dem ,,Heiligen Kreuz“, tranken dort Kaffee und aßen die herrliche Apfeltorte mit Schlagsahne. Dann wanderten wir noch hinaus nach dem idyllisch gelegenen ,,Waldhaus". Dort schwärmten wir in lauter Liebe und Glück. - Am 2. Tag machten wir schon morgens ½ 8 Uhr eine Fahrt in die Bergstraße, fuhren bis Bensheim, gingen von da über Schloß Schönberg, dann durch das herrliche ,,Fürstenlager" nach der ,,Säg-Mühle“. Dort ließen wir uns ein gutes Essen bringen und wanderten nach Schloß Auerbach, prachtvoll gelegen auf einer Buchenwaldhöhe. Dann gings nach Auerbach, von da mit der Bahn nach Darmstadt zurück. Ein gemütlicher Abend bei Konzert auf der Ludwigshöhe bildete den Schluß. Um 10 Uhr fuhr ich zurück nach Offenbach und von da nach Hause. Auch aus unserer Brautzeit fiel ein schöner Sonntag mir ein. - In Darmstadt war Kunstausstellung und wir, mein geliebter Bräutigam und ich, besuchten dieselbe einmal. Da sah ich zum ersten Mal die Künstlerkolonie und war ganz entzückt davon, ebenso Heinrich. Ganz reizende Villen und kleine Häuschen sind da erbaut und herrlich und niedlich ein­gerichtet. In der Gemäldeausstellung sind wir auch gewesen, haben uns alle Herrlichkeiten angesehen. Stiegen auf den Hochzeitsturm hinauf und genossen die herrliche Aussicht und freuten uns dabei wie die Kinder. Auch auf die Ludwigs­säule sind wir hinaufgestiegen. Daran mußte ich denken, als ich jetzt mit Marga in Darmstadt war auf der Reise nach Neun­kirchen und ich dem Kinde den Wunsch erfüllte und mit ihm die dunkle hohe Säule erkletterte. Damals als Braut war es eine Lust, an der Hand meines lieben Heinrichs, sicher geführt, hinauf zu steigen in diese Höhe, 175 Stufen, die enge Wendel­treppe hinauf, so finster, nur mit dem trüben Schein einer Laterne die Stufen ein wenig beleuchtend. Aber jetzt war es eine Last, als Frau, das Kind an der Hand festhaltend, in der freien Hand die Laterne tragend, in einem Qualm, den die Lampe gab, diese 175 Wendeltreppenstufen zu erklimmen. Es ist mir redlich sauer geworden und ich glaube, es war auch für das Kind zuviel, obgleich es sich nicht muckste und tap­fer daraufloskletterte. Ich habe im Stillen bereut, dies mit dem Kinde unternommen zu haben. Ich hatte es nicht mehr ge­wußt, daß es doch so hoch ist und so schwer, damals hatte ich all dies nicht empfunden; aber wir sind wohlbehalten oben angekommen und auch wieder herunter, aber ich werde voraussichtlich nicht mehr hinaufsteigen. - Doch nun zurück nach Neunkirchen. Der Aufstieg zum Kaiserturm ist ja bequem. Schöne gerade Treppen führen hinauf. Und der Rundblick ist einzig schön. In weiter Ferne sieht man rings die Berge und Täler. Bis zur Rheinebene hinüber, durch die sich der Rhein dahinzieht, Rauchsäulen deuten an, daß Dampfer den Rhein ent­lang fahren. Die Bergstraße liegt in ihrer ganzen Pracht vor uns, der ,,Melibokus“ steigt auf, weiter sehen wir das Auer­bacher Schloß und den Felsberg. Dann kommt der Taunus mit dem hohen Feldberg, auf welchem man deutlich die 3 Häuser erkennt. Weiter sieht man die ganzen Odenwälder Berge und Wälder und viele reizende Ortschaften. Die Spessartberge grüßen uns auch.
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